Erstellt am 15. Oktober 2015, 05:42

von Michaela Fleck-Regenfelder

„Das ist wie Weihnachten“. Ben Becker, Schauspieler, Musiker und „Rabauke“, liest diese Woche in Krems. Und spricht über Familientraditionen, Gesellschaftsprobleme, gefährliche Figuren und eigenen Kram.

»Ich bin nicht nur das Enfant terrible. Ich trage auch eine große Melancholie in mir«: Ben Becker. Zu erleben ist er am 15. Oktober beim großen Kabarett- & Comedy-Festival in Krems (läuft bis 26. November).  |  NOEN, Tedeskino

NÖN: Am Donnerstag kommen Sie mit Ihrem Lyrik-Programm „Der ewige Brunnen“ zum Kabarett- & Comedy-Festival. Was gibt’s da zu hören?
Becker: Dass man mich mit dem Programm zu einem Kabarettfest eingeladen hat, hat mich etwas verwundert. Aber wenn man mich ruft, bin ich da! Nach der Bibel wollte ich etwas Privates machen, etwas Kleines. Und das ist entstanden aus einer alten Familientradition, bei der mein Papa zu Weihnachten nach dem Essen immer aus dem „Ewigen Brunnen“ vorlesen musste. Es ist also ein bisschen wie Weihnachten mit Ben Becker [lacht]!

Der „Erlkönig“ oder der „Zauberlehrling“ klingen ja nicht gerade nach Kabarett. Dafür ein bisschen nach Deutsch für die Oberstufe. Darf da trotzdem gelacht werden?
Becker: Es darf gelacht werden. Es darf aber auch mal ’ne Träne fließen. Da gibt’s was von Heine, da fang ich auch an zu weinen. Und wenn da unten im Publikum glücklich aufgestöhnt wird, freu’ ich mich total!

Paul Celan, dem Dichter der Auschwitzer „Todesfuge“, haben Sie auch einen Ihrer Lese-Abende gewidmet. Was haben Celan oder Goethe, was andere Autoren nicht haben?
Becker: Was mich interessiert, sind die schwierigen Dinge. Das ist oft unheimlich geistiges Zeug, wo man sich schwer tut. Aber das sind auch kleine Krimis, kleine Filme. Und ich mag halt Literatur, die bewegt, da werd’ ich selber neugierig.

Was ist das Lesen für Sie? Spielen ohne Kostüm?
Becker: Es ist, wie mit den Leuten zusammen auf die Reise gehen. Aber die Geschichte muss im Kopf des Zuschauers stattfinden. Und die Zuschauer sind auch Bestandteil des Spiels. Aber ich brech’ auch mal aus und mach’ mal Blödsinn. Dass ich ein bisschen anders bin, weiß man sowieso. Ich hab’ als kleiner Junge schon mit Puppen gespielt …

Nicht nur die Autoren, auch die Figuren, die Sie spielen, sind selten die Harmlosesten. Sind Ihnen die zu langweilig? Sind Ihnen der Tod oder demnächst auch der Judas näher?
Becker: Das sind einfach die interessanteren, aber auch die gefährlichsten. Da steckt auch ein Kampf um Existenz d’rin. Theater hat ja immer auch zu tun mit Gesellschaft. Ich bin ein sehr sensibler Beobachter und ein sehr emotionaler Mensch. Mir tun bestimmte Sachen sehr, sehr weh.

Was braucht die deutschsprachige Theaterszene derzeit am dringendsten?
Becker: Da misch ich mich nicht ein, ich mach’ lieber meinen eigenen Kram. Ich bin ja nicht der Kultursenator! Grundsätzlich betrete ich ein Theater lieber von hinten – außer wenn Frau Minichmayr das „Teufelsweib“ spielt …

Was wollen Sie unbedingt noch verwirklichen?
Becker: Da fällt mir nichts dazu ein. Man macht das, was ansteht. Jetzt möchte ich im Berliner Dom mal den „Judas“ [Premiere am 18. November] machen …