Erstellt am 04. November 2015, 06:22

von Michaela Fleck-Regenfelder

"Ich war ein Frecher". Gustav Peichl, Architekt, Karikaturist und Chronist, im Gespräch mit Michaela Fleck über 60 Jahre Fernsehen und andere Probleme.

Gustav Peichl, Architekt, Karikaturist und Chronist  |  NOEN, APA

NÖN: Diesen Donnerstag vor genau 60 Jahren, am 5. November 1955, kam das Fernsehen zum ersten Mal live ins Wohnzimmer, und zwar zur Wiedereröffnung der Staatsoper. Können Sie sich daran noch erinnern?

Peichl: Nein. Aber ich kann mich erinnern, wie ich angefangen habe.

Sie waren ja schon vor der ersten Sendung im Bild. Und zwar beim Versuchsfernsehen mit der „Karikatur der Woche“. Aus der wurde später der „Jahresrückblick“, der von 1971 bis 1996 im ORF lief. War der Karikaturist da anfangs das Versuchskaninchen?

Peichl: Ich bin halt ein Frecher gewesen und hab’ das gemacht. Das war noch in einem Klassenzimmer in der Singrienergasse, die Franzi Kalmar hat angesagt, dann hab’ ich eine alte Schultafel hineingetragen und gezeichnet, Strich für Strich ... Dann hat man mich zu Heinz Conrads geholt und zur Silvestersendung … Das war ein Riesenerfolg!

Gerade einmal 800 Fernsehapparate soll es 1955 in Österreich gegeben haben, einen Kanal und zwölf Stunden Programm pro Tag. Hätten Sie gedacht, dass daraus je ein Massenmedium werden würde?

Peichl: Das hat keiner geglaubt. Wir haben alle geglaubt, das ist ein Popperlzeug!

Die erste „Zeit im Bild“ gab’s am 5. Dezember 1955, den ersten Spielfilm am 18. November 1957, den zweiten Kanal erst ab 1961. Fehlte dem Fernsehen damals etwas?

Peichl: Im Gegenteil! Das war Kultur und Orientierung. Die Qualität war von Anfang an großartig. Auch wenn die Techniker die ersten, riesigen Kameras selbst gebastelt haben … Heute ist die Qualität nicht mehr da.

Sie haben einmal gesagt, der ORF sei heute ruiniert und existiere als ORF gar nicht mehr. Sehen Sie das noch immer so? Und kann man ihn denn wiederbeleben?

Peichl: Genauso ist es. Heute zählen sie ja sogar die „Seitenblicke“ zur Kultur. Wer soll ihn wiederbeleben? Man kann den ORF nicht nur mit Marketing und mit Einschaltquoten machen, das geht nicht!

Was wollen Sie noch verwirklichen?

Peichl: Ich möchte ein Karikaturmuseum bauen auf dem Roten Platz in Moskau. Aber das wird wohl nie was …