Erstellt am 15. Juni 2016, 05:59

von Thomas Jorda

Paul Gessl: "Festival Grafenegg ist immer noch ein Baby". Grafenegg: Geschäftsführer Paul A. Gessl im NÖN-Interview über ein besonderes Festival.

Paul A. Gessl ist stolz: »Gut eine Million Menschen haben bisher Grafenegg besucht. Jährlich werden 3,8 Millionen Euro investiert.«  |  NOEN, Peter Rauchecker
NÖN: Grafenegg ist zehn Jahre alt. Für ein Festival nicht viel.
Gessl: Das kann ich bestätigen. Es ist immer noch ein Baby. Wir haben zwar die Anfangsphase gut überstanden, aber noch viel vor. Grafenegg strahlt, aber die Aufgabe eines Managers ist, zeitgerecht darüber nachzudenken, wie man dieses Strahlen sichern kann. Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit der Entwicklung in den nächsten zehn Jahren.
 
Was macht Grafenegg einzigartig?
Die Verbindung von Natur, Kunst, Architektur. Dadurch sind wir trotz der Konkurrenz exzellent positioniert. Das Konzept, Grafenegg zu einem hoch qualifizierten Ort des Musikgenusses vor den Toren Wiens aufzubauen, ist aufgegangen – mit der besten Open-Air-Bühne Europas für klassische Musik.

Ein internationaler Vergleich wird oft gezogen. Worauf basiert der?
Es gibt keine Benchmark, kein Ranking. Wir messen uns daran, dass die weltbesten Orchester gerne nach Grafenegg kommen. Das zweite Signal ist die große Akzeptanz in der überregionalen Berichterstattung. Man ist aufmerksam geworden auf Grafenegg, man kennt Grafenegg als besonderen Spielort.

Hätten Sie das vor zehn Jahren geglaubt oder gehofft?
Ich bin ehrlich gesagt selbst überrascht. Aber man sieht, was durch strategisches, konsequentes Arbeiten erreicht werden kann. Hier hat vieles zusammengespielt. Die Kulturpolitik, die 25 Millionen Euro investiert hat, der Glücksfall der Architektur, die Harmonie des künstlerischen Leiters Rudolf Buchbinder mit dem Team, die Familie Metternich, der Grafenegg gehört, die Akzeptanz der Besucher. Es sind viele Faktoren, die zu dem unglaublichen Erfolg beigetragen haben.

Und natürlich der Ort …
Ja, die schöne, nicht polarisierende Verbindung von Gegensätzen. Schloss und Wolkenturm, Architektur und Natur, Tradition und Innovation, klassische und zeitgenössische Musik, Jugendarbeit und weltbeste Orchester. Das erzeugt eine angenehme Spannung, die neugierig macht, Wohlgefühl auslöst.

Was hat nicht funktioniert?
Nicht alle Zielsetzungen konnten wir zur Gänze erfüllen. Wir haben es noch nicht geschafft, alle Besucher der Wiener Tonkünstlerkonzerte nach Grafenegg zu holen. Wir konnten nicht alle Musikfreunde überzeugen, die Open-Air-Konzerte nicht mögen. Und es gibt noch die Herausforderung, Grafenegg, das im Herzen Europas liegt, zu einem europäischen Standort zu machen. Da geht es um neue Besucherströme, eine höhere Wertschöpfung.

Also viele Pläne für die Zukunft.
Zehn Jahre im Kulturbereich – das ist nur ein Funkenschlag, das ist nichts. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Vision 2025. Da geht es auch darum, Grafenegg zusätzlich als Bildungs- und Wissenschaftsstandort zu positionieren.