Erstellt am 07. November 2015, 11:18

von NÖN Redaktion

Robert Menasse mit NÖ Kulturpreis ausgezeichnet. Die Kulturpreise des Landes Niederösterreich 2015 sind bei einer Gala am Freitagabend im Festspielhaus St. Pölten verliehen worden.

Mimi Wunderer-Gosch, Brigitte Kowanz, Ewin Pröll, Robert Menasse  |  NOEN, Erich Marschik

Im Rahmen einer festlichen Gala überreichte Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll am 6. November 2015 die heurigen Kulturpreise des Landes Niederösterreich. Unter den zahlreichen Ehrengästen aus Kunst und Kultur, Wirtschaft sowie Politik befanden sich unter anderem die diesjährigen Kulturpreisträgerinnen und Kulturpreisträger Dr. Robert Menasse, Univ.-Prof.in Mag.a Brigitte Kowanz, Mimi Wunderer-Gosch und Mag. Franz Thürauer.

„Die anspruchsvolle und namhafte Zusammensetzung der Preise bringt die große Vielfalt und Kreativität der kulturellen Szene unseres Landes zum Ausdruck. Die Kulturpreisträgerinnen und Kulturpreisträger haben Niederösterreich mit ihrem künstlerischen Schaffen wesentlich geprägt und bereichert. Mit der Verleihung der Kulturpreise des Landes Niederösterreich wollen wir diese besonderen Leistungen der Öffentlichkeit bewusst machen,“ erklärte Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll.

Kulturpreise bereits seit 55 Jahren

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation in Österreich und Europa hob die österreichische Regisseurin, Schauspielerin, Theaterleiterin und Autorin Univ.-Prof. in Mag. a Anna Maria Krassnigg in ihrer Gastrede die Notwendigkeit von Kunst und Kultur hervor. Kunst könne zwar keine Probleme lösen, aber Empathie für die Fragestellungen unserer Zeit erzeugen.

Bereits seit 55 Jahren vergibt das Land Niederösterreich Kulturpreise in unterschiedlichen Sparten, seither wurden bereits über 1.000 Preise gezählt. Stets wählt eine fachkundige unabhängige Jury die Preisträgerinnen und Preisträger aus den zahlreichen Einsendungen aus.

Heuer wurden je ein Würdigungspreis und zwei Anerkennungspreise in acht Sparten – Bildende Kunst, Literatur, Darstellende Kunst, Kunstfilm (künstlerischer Spielfilm oder künstlerischer Dokumentarfilm), Musik, Volkskultur und Kulturinitiativen, Erwachsenenbildung sowie erstmals Kultur- und Wissenschaftsjournalismus (Sonderpreis 2015) – durch Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll verliehen. Die Kulturpreise sind mit 11.000 Euro (Würdigungspreis) und 4.000 Euro (Anerkennungspreis) dotiert.

Preisträgerinnen und Preisträger des Jahres 2015

Bildende Kunst
Würdigungspreis Univ.-Prof.in Mag.a Brigitte Kowanz
Anerkennungspreis MMag.a Lisa Kunit
Anerkennungspreis Mag.a Stephanie Pflaum

Literatur
Würdigungspreis Dr. Robert Menasse
Anerkennungspreis Mag.a Dr.in Isabella Breier
Anerkennungspreis Robert Kraner

Darstellende Kunst
Würdigungspreis Mimi Wunderer-Gosch
Anerkennungspreis Jugendstil – Theater, Kunst und Kultur für Jugendliche
Anerkennungspreis Rabauki – Verein zur Förderung von Theater, Kunst und Kultur für Kinder

Kunstfilm (künstlerischer Spielfilm oder künstlerischer Dokumentarfilm)
Würdigungspreis Manfred Neuwirth
Anerkennungspreis MMag.a Christine Moderbacher
Anerkennungspreis Mag.a Katharina Posch, Mag. Daniel Hoesl

Musik
Würdigungspreis Mag. Franz Thürauer
Anerkennungspreis LA BIG BAND
Anerkennungspreis Mag. Daniel Muck

Volkskultur und Kulturinitiativen
(gesponsert von der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien und der NOVOMATIC AG)
Würdigungspreis Norbert Hauer
Anerkennungspreis Passionsspiele Dorfstetten
Anerkennungspreis FineArt Galerie Traismauer

Erwachsenenbildung (Franz Stangler-Gedächtnispreis)
Würdigungspreis Dipl.-Päd. Ing. Hans Rupp
Anerkennungspreis Öffentliche Bücherei Sitzenberg-Reidling
Anerkennungspreis AGRAR PLUS GmbH

Kultur- und Wissenschaftsjournalismus – Sonderpreis 2015
Würdigungspreis Erich Klein
Anerkennungspreis Mag.a Sabine Daxberger
Anerkennungspreis Mag. Ewald Baringer


Ungekürzte Festrede von Universitätsprofessorin Anna Maria Krassnigg 

Wozu jetzt ?
Ein Impuls zur aktuellen NOTwendigkeit von Kunst in 5 Akten
 
Sehr verehrte Damen und Herren, geschätzte Ausgezeichnete, lieber Herr Landeshauptmann,
 
Im folgenden werde ich versuchen wenige Minuten in 5-aktiger Struktur zu nutzen - bereits daran erkennen Sie, wie hoch mein Beitrag hinaus will, und wie bescheiden er zwangsläufig ausfallen muss – Theaterkrankheit!?
 
Meine Überlegungen habe ich - das will ich Ihnen nicht vorenthalten - folgendermaßen übertitelt: Wozu jetzt? - Ein Impuls zur aktuellen NOTwendigkeit von Kunst in 5 Akten.
Die „NOT-wendigkeit von Kunst“ – oioioi! – sollten wir dieses Fass in unseren Tagen, wo die Worte NOT und NOTwendigkeit ganz andere Umstände und Schicksale beschreiben, nicht fest verschlossen lassen?  Und froh sein, dass in diesem Land dieser NOTwendigkeit vorbildlich Tribut gezollt wird? Ich meine, wir kommen nicht umhin – gerade, wenn wir Kunst und Kultur heute hier feiern – diese Frage zu stellen. Viele Künstlerinnen und Künstler tun das derzeit, und ich finde, dass man das Nagende an dieser Frage zulassen muss, mehr noch, dass man das Nagen nicht mit den üblichen, gut eingeübten Selbstverständlichkeiten beantworten kann.

Es hat sich, meine Damen und Herren, seit der letzten, derartigen Preisverleihung viel verändert, die Welt hat sich verändert, und es ist  – meiner subjektiven Überzeugung nach – unsere Aufgabe, das wahrzunehmen und zu reagieren. Ich erzähle den meisten von Ihnen freilich nichts Neues, bisher gänzlich Ungedachtes oder Ungesagtes. Dies ist nur der Versuch das einzeln Gedachte und Gesagte zu sammeln, zu bündeln, und durch lautes Äußern vor Publikum – in jedem Sinn – ANGREIFBAR zu machen. Sie sehen schon: auch hier entkomme ich den Ritualen meiner Zunft nicht.
 
AUFWACHEN heißt für mich der erste Akt  in meinem Gedankendrama.
Wir leben in einer Zeit der verschiedensten, und oft so betitelten „berechtigten“ Ängste. Und nicht einmal denen, die Roosevelts großartige Sentenz, wonach wir nichts zu fürchten hätten, außer die Furcht selbst, kennen, hilft diese Einsicht. Kunst und Kultur kann die Angst vor dem Fremden, dem Nicht-Begreiflichen, dem Trudeln im Chaos nicht aus der Welt schaffen, aber sie kann sie im Kunstwerk anschaubar machen, uns das Gefürchtete nahe bringen und damit ein Stück weit zähmen.

Alle Kunst kommt in gewisser Weise aus dem Bannen der Angst, ob das die ersten Texte, Gesänge und Dramen der Antike sind, oder die Bisons in den Höhlen von Lascaux, denen so rührend-widerständig das Menschlein unterliegt. Der Schrecken der Kunst übt uns ein in die Schrecken der Wirklichkeit, macht uns ein Stück weit, eine Idee weit weniger ohnmächtig. In dieser Hinsicht hat die Kunst eine ähnliche Funktion wie der Traum, mit dem Unterschied, dass wir sie bewusst gestalten können. Der Schock, den die Begegnung mit dem Unbekannten auslöst - etwa mit dem Flüchtling mit dem wir plötzlich auf einer Parkbank sitzen - liegt darin, dass wir begreifen, unausweichlich begreifen müssen: „das bin ja ich! das könnte ja ich sein! Ein numinoses Würfelspiel (die Griechen nannten es „die Götter“) hat ihn auf diese, mich auf jene Seite der Bank geworfen!“

Diesen Schock der Begegnung - auf vielfältige Weise -  kann, ja sollte (so meine Ansicht) die Kunst heute leisten.  Aufwachen, wach machen durch den Schock des Begreifens, das können wir. Freilich erfordert das eine gewisse Radikalität in radikalen Zeiten. Ich meine radikal in der Urbedeutung des Wortes „radix, radicis“- die Wurzel. Wir müssen an die Wurzel von Kunst und Kultur um sie in unserer Welt jetzt und NOTwendig erneut zu verankern.
 
Diesem Schock des Aufwachens, der eine unbedingte und schonungslose Außenwahrnehmung voraussetzt, steht zwillingshaft die radikale Introspektion - der zweite Akt meines Dramoletts - gegenüber. Ich will ihn hier das EINTAUCHEN nennen. Die Bedingung dafür ist die Fähigkeit zur Konzentration, zur Versenkung, derer wir so tragisch verlustig gegangen sind. Kunst und Kultur generieren und erleben heißt „Kanäle“ öffnen, nach oben und nach unten, in Sphären des menschlichen Seins die wir mit „Geist“ und „Seele“ in Verbindung bringen; mit Energien, die von ganz unten, „aus dem Bauch“, aus dem uralten „Drachengehirn“ des Menschen entspringen. Wir müssen uns selbst und unserer Umgebung täglich bewusst machen, dass der Mensch mehr ist als ein Alles konsumierendes Tier, das sich – mit Dostojewskij gesagt -  nach Maß und Vertrag richtet. Er ist viel mehr als das, ja, er ist nur Mensch in den Augenblicken, wo er mehr als das sein darf.
By the way: er ist nur dann „glücklich“.

Es rächt sich bitter in diesen Tagen, dass europaweit die Geisteswissenschaften und Künste aus den Schulplänen letztlich verdrängt oder zur Unkenntlichkeit marginalisiert wurden, eben auch „Maß und Vertrag“ unterworfen, dass sie an den Universitäten orchideenartig, runtergerechnet, punktebewertet, ihren Auftrag, ja ihren Stolz weitgehend verloren haben. Wir wissen doch alle, und auch denen, die nicht in den Reihen unserer - bei aller Unterschiedlichkeit doch ähnlich gesinnten - Gruppe hier sitzen, dämmert es: die wesentlichen Antworten auf die großen Fragen zu den aktuellen Katastrophen können nur diese an der Rand gedrängten Disziplinen suchen und - hoffentlich - finden.

Der Stillstand unserer Zeit, das allgemeine Sitzen des Kaninchens vor der Schlange hat wesentlich mit der fatalen Abwertung des Wissens und Könnens von Kunst, Kultur- und Geisteswissenschaften zu tun. Lassen Sie uns unmissverständlich klar machen, dass wir, die wir diese Felder – so unterschiedlich – bestellen, Spezialistinnen und Spezialisten sind für das EINTAUCHEN in die Welt der ersten und letzten Fragen des Mensch-Seins, auch  der Stille und des nicht Vermarktbaren. Dass auch wir immer wieder daran scheitern soll uns nicht entmutigen, ja gehört  wesentlich zu den Methoden unserer Suche.
 
Meine Damen und Herren, Sie kennen das – während Exposition und Anstieg einigen zeitlichen Tribut fordern, geht es ab der Mitte im Drama ziemlich rasant. Ich verspreche!
Der dritte Akt, somit der dritte Grund, der mir in diesen Tagen geeignet scheint, die NOTwendigkeit von Kunst und Kultur zu untermauern,  ist der Ort selbst an dem sie stattfindet. Ich meine „den Ort“ als faktischen Ausnahmeort, als Enklave, Zeitspalte, ja eigentlich: Ausnahmezustand. Auch wenn sich „der Ort“ in vielerlei Orten, vielerlei Gestalten zeigt, eignet ihm doch fast immer ein entscheidendes Merkmal: es ist ein realer Ort, ein Live-Ort, ein haptischer, im Idealfall wie auch immer sinnlicher Ort, sei es Museum, Galerie, Konzertsaal, Kino, Theater, Bibliothek.

Und auch die Literatur schafft  im Kern einen Ort der Begegnung, vielleicht den Kostbarsten im lauten Trubel von Maß und Vertrag: der Begegnung mit sich selbst. Wir alle wissen, dass diese letzten Lagerfeuer des Geistes in einer Welt der Ent-Dinglichung und totalen Virtualisierung von Raum, Zeit und Begegnung mit aller Vehemenz zu schützen und zu verteidigen sind. Denn es sind diese realen und kostbaren Orte, welche - aufgeladen mit dem Impuls der Kunst (welcher Sparte auch immer) - Empathie zu generieren vermögen. Das gemeinschaftliche Erleben eines künstlerischen Ereignisses ist in der Lage eben jenes Mit-Leiden zu erzeugen in einer Gemeinschaft lebendig Kommunizierender, das wir als Grundlage für alles weitere Tun und Denken so bitter nötig haben wie schon lange nicht mehr. Kunst kann nicht Probleme lösen, aber Empathie erzeugen, die aller Lösung vorausgeht.

Diese realen Räume und das bringt mich zum vorletzten Akt, sind und müssen sein: Orte der Haltung UND der Grenzen-Losigkeit;
Im eigentlichsten Sinn: der Integration.
Ich gehöre ja zur schrägen und aussterbenden Spezies der begeisterten Lateinerinnen und möchte Sie daher daran erinnern, dass das Wort INTEGRARE viel mehr bezeichnet, als nur die landläufige Bedeutung des „Zusammenbringens verschiedener Teile“. INTEGRARE bedeutet zentral (neben „angleichen, anpassen, aufnehmen, einbetten, einbeziehen, einfügen, eingliedern, eingruppieren, einordnen“)

WIEDERHERSTELLEN, ERNEUERN; GEISTIG AUFFRISCHEN! Lassen Sie uns doch verstärkt gemeinsam erleben, dass uns die momentan scheinbar kaum zu bewältigende Aufgabe der Integration in jedem Sinn, AUCH erneuert, wiederherstellt, ja geistig auffrischt. Das mag utopisch klingen, aber jedes vergleichbare Ereignis der Geschichte (auch so eine fatal im schulischen Kanon verzwergte Disziplin) bestätigt die Doppelbedeutung des Wortes. Zudem bin ich überzeugt davon  - und gar nicht verblüfft darüber, dass die Ausgezeichneten des heutigen Abends künstlerisch schon längst so verfahren - dass die (viel beschworene) INNOVATION heute in der INTEGRATION besteht; In der interkreativen Integration verschiedenster Künste und Zugänge, verschiedener transnationaler Ströme und Strömungen, - auch in der INTEGRATION von so genannter Breite und so genannte Spitze der Kultur. Wir alle wissen, wie  obsolet und gestrig diese Kategorisierungen bereits heute sind....
Es geht schon lang nicht mehr um Breite oder Spitze, sonder um mehr Haltung und weniger Repräsentation.
 
Dieser letzte – wie alles hier Gesagte – durchaus anfechtbare Satz, führt uns in den letzten Akt dieses spielerischen Versuchs. Was hat sich denn geändert, seit diese illustre Gemeinschaft letztens hier zusammentraf? Nichts, was man nicht hätte absehen können, alles in Hinsicht auf unser wirkliches Erleben. Ich meine, dass die Künste und Ihre Förderer mit Haltung darauf reagieren müssen, mit HANDELN statt Rückzug in die Magistrate und Elfenbeintürme. Mit HANDELN statt Verschanzen hinter selbst gemachten Gewissheiten. (Im Übrigen ist „Drama“ ein unschuldiges Wort: es bedeutet nichts anderes als das: „HANLDUNG“) .
 
Freilich muss die Kunst frei bleiben von wohl meinenden Anbiederungen ans Tagesgeschehen, aber sie darf nicht, sie darf nicht frei sein vom LEBEN DRAUSSEN IN DER JETZIGEN WELT, sie darf nicht frei sein von EMPATHIE, sie darf nicht bloß Amarenakirsche auf der Sahnehaube der vom Schicksal Begünstigten sein, sondern muss schon – wie alle anderen – tief „in den sauren Apfel beißen“ um relevant und eben NOTwendig zu sein.
Und es ist Aufgabe der Kulturpolitik, die in diesem Land bisher so viel Segensreiches ermöglicht hat, Zeitgenossentum und Haltung zu zeigen, in dem sie Zeitgenossentum und Haltung würdigt und ermöglicht, die beiden Parameter, so meine ich, die uns alle wirklich NOTwendig machen, und nicht nur „nice to have“.
 
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, gratuliere den Ausgezeichneten von Herzen und freue mich auf diesen gemeinsamen Abend.