Erstellt am 04. Februar 2016, 06:28

von Matthäus Nimmervoll

Barmherzigkeit. Abt Matthäus Nimmervoll (Stift Lilienfeld) über das Christentum als Herzensreligion.

Unser Papst hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Und das nicht nur als Anregung für die Christen, sondern an alle Menschen guten Willens gerichtet. Wenn wir das zunächst ganz wörtlich nehmen, dürfen wir die Gedanken auf dieses Wort richten: Das Wort Barmherzigkeit ist vom Lateinischen entlehnt und dem lateinischen Wort „misericordia“ nachempfunden. In beiden Sprachen kommt das H e r z (lateinisch: cor) vor und meint ein liebevolles, einfühlsames Herz haben.

Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich dieser Not auch an. Barmherzigkeit – misericordia ist also eine sich erbarmende Herzlichkeit. In den Klöstern gibt es im Chorgestühl der Mönche, wo sie ihre Gebete verrichten, kleine Sitzhilfen, auf denen sie sich auch beim Stehen ein wenig aufstützen, ja beinahe im Stehen sitzen können – auch diese Holzbrettchen werden „Misericordien“ genannt.

In der hebräisch-aramäischen Muttersprache Jesu heißt der entsprechende Begriff wörtlich übersetzt: Mutterschoß Gottes – ein starkes Bild, was bedeutet: So sicher und liebevoll wie ein Embryo beziehungsweise ein Fötus im Mutterschoß geborgen ist, so sicher ist der Mensch in Gott geborgen – ein Geschöpf Gottes.

Vielleicht spüren wir jetzt: Christentum ist eine Herzensreligion. Es geht ums Ganze, das im Wort und im Symbol des Herzens ausgedrückt wird. Jesus ist gleichsam der große „Kardiologe“, der Herzspezialist. Und seine Mutter Maria ist, so erzählt es das Lukasevangelium, eine Frau, die ihr Herz am rechten Fleck hat und damit umzugehen weiß. Maria dachte über die Worte der Engel und Hirten nicht nur im Kopf nach, sondern es heißt: Maria bewegte sie (die Worte) in ihrem Herzen (Lukas 2,19).

Man sagt auch sprichwörtlich: Mütter tragen ihre Kinder vor der Geburt unter dem Herzen – und tragen sie ein Leben lang in ihrem Herzen. Es gibt wohl nur zwei Dinge, die unser Herz zutiefst bewegen: große Liebe und großes Leid.

In der Bibel sind übrigens Gerechtigkeit und Barmherzigkeit keine Gegensätze; denn die Gerechtigkeit Gottes ist keine nur richterliche, sondern immer auch eine aufrichtende Eigenschaft. Wahrlich ein wohltuendes Vorbild für uns.