Erstellt am 28. Januar 2016, 07:23

von Columban Luser

Braucht's das: Heiliges Jahr der Barmherzigkeit?. Abt Columban Luser OSB (Stift Göttweig) über den Papst, der ein Tor aufstoßen will zu völlig neuem Denken.

Mittlerweile sind wir es bereits gewohnt: Papst Franziskus ist ein Papst der Überraschungen, der mit immer neuen Aktionen herausfordert, teilweise auch massiv aufregt. Für das Kirchenjahr 2015/16 hat Papst Franziskus ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Anlass dafür ist der 50. Jahrestag vom Ende des 2. Vatikanischen Konzils 1965.

Eine junge Studentin hat mich vor Kurzem mit der Frage konfrontiert: „Was will der Papst mit diesem Heiligen Jahr?“ – Ja, was will er wirklich damit? Geht es ihm um einen neuen Beicht-Boom? Oder gar um den Ablass? Will er den Wallfahrtstourismus nach Rom ankurbeln?

Franziskus möchte mit diesem Heiligen Jahr der ganzen Kirche in Erinnerung rufen, dass ihre Kernbotschaft dem Evangelium entsprechend „Barmherzigkeit“ heißt:
„Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem Satz auf den Punkt gebracht zu sein. In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden.“ Diese Dimension, die Franziskus ins Wort bringt, wollte das II. Vatikanum sichtbar machen!

Ich bin überzeugt, dass der Papst mit diesem Heiligen Jahr in der dramatischen Situation unserer zerrissenen, gewaltbereiten und über weite Strecken hin unbarmherzigen Menschheit ein Tor aufstoßen will zu einem völlig neuen Denken und Handeln im Geist der Barmherzigkeit. Da geht es nicht einfach nur um Kosmetik, sondern um ein radikales Um-denken und Umhandeln! Die Barmherzigkeit zum Prinzip des Handelns zu machen – darum geht es; um nichts sonst!

Der Einzelne, die Einzelne – DU und ICH – wir sind angefragt: Wie barmherzig lebe ich, wie barmherzig lebst DU?

Und halten wir fest: Barmherzigkeit hat kein spezifisch christliches oder kirchliches „Mascherl“! Wer aber wissen will, was Barmherzigkeit zutiefst meint, der muss auf Christus schauen.