Erstellt am 31. Dezember 2015, 05:43

von Michael Proházka

„ … damit wir sicher schreiten!“. Abt Michael Proházka über die Sehnsucht nach der heilen Welt und die Realität.

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger!“ – so sagt der berühmte Komiker Karl Valentin in seinem unnachahmlichen Sarkasmus. Hatten Sie einen besinnlichen und ruhigen Advent? Wie sind Ihre Weihnachtsfeiertage verlaufen? Wahrscheinlich wie auch in den vergangenen Jahren – mit manchen Vorsätzen, aber auch mit mancherlei Hektik!

Seit geraumer Zeit denke ich, dass die Sehnsucht nach den ruhigen und besinnlichen Tagen, nach gefühlvollen Stunden im Kreise der Freunde, der Familie, der Gemeinschaft der Versuch ist, eine heile Welt heraufzubeschwören, die es wohl nie so gegeben hat. Charakteristisch ist für mich das Zusammentreffen von Weihnachten und Stephanstag. Da wurde soeben „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen, da erfreute man sich am „holden Knaben im lockigen Haar“ und am darauffolgenden Tag „fließt schon wieder Blut“.

Und so wird es unter den Menschen immer sein, höre ich dann als Einwand, auch gegen die Weihnachtsbotschaft! Aber die weihnachtlichen Festtage sind keine traute bürgerliche Idylle, die „Heilige Familie“ zeigt uns sehr deutlich, dass Freud und Leid über jeden hereinbrechen können und dass nicht einmal Josef und Maria davon verschont blieben. Und doch bewältigen sie diese Herausforderungen – angefangen von der Geburt des Kindes in einem Unterschlupf für die Schafe auf den Feldern bis zur Flucht nach Ägypten und dem vorübergehenden Abhandenkommen des zwölfjährigen Jesus auf dem Rückweg vom Passahfest in Jerusalem.

Für meinen Glauben ist es sehr bestärkend zu wissen, dass ich meinen Weg mit einem Gott gehen kann, der wirklich Mensch geworden ist, der Grenzerfahrungen durchmachen musste, der mir aber zeigt, dass dies alles kein Grund zur Verzweiflung, sondern zu einer immer noch größeren Hoffnung in meinem Leben werden kann.

So kann ich mit dem Dichter und Theologen Jochen Klepper vertrauensvoll sprechen: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen. Der du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unsrer Zeiten: Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten!“

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Jahreswechsel und ein gesegnetes Jahr 2016!