Erstellt am 02. Juni 2016, 07:25

von Alt-Abt Burkhard Ellegast

Das Unbegreifliche. Alt-Abt Burkhard Ellegast (Stift Melk) über den Verstand, der teilweise stillsteht, wenn es um Gott geht.

Wenn wir an unsere Welt denken – nicht nur an die Erde, sondern an das ganze Weltall: Erde, Sonne, Mond, Mars, alle Planeten, die Milchstraße, die Sternbilder –, ist alles unvorstellbar groß und weit. Und doch ist das, was wir sehen, ein ganz winziger Teil dessen, was es gibt. Als Kinder hat man uns erzählt, all das habe Gott erschaffen. Die Menschen versuchten, je nach Kulturkreis und der entsprechenden Religion, sich diesen Gott vorzustellen.

Uns Christen wurde die Offenbarung, dass Gott nicht ein ferner, unnahbarer Gott ist, sondern einer, der uns ganz nahe kommt, der uns liebt. Jesus Christus hat uns Gott als seinen und unseren Vater nahe gebracht. Wenn wir jetzt wieder an das ganze Weltall denken, versagt jede menschliche Vorstellungskraft, wir sind auf Bilder angewiesen, auf Vorstellungsmodelle, um diesem Gott ein wenig näher zu kommen. Wir sind nun Wesen, in denen verschiedene Bereiche gegeben sind, die unser Leben ermöglichen. Wir haben einen Verstand, mit dem wir erkennen können, wir haben emotionale Bereiche, die uns manches spüren und erfahren lassen. Wir haben einen Körper, der ebenfalls nicht nur die materielle Seite unseres Wesens zeigt. Diese Bereiche könnte man noch aufgliedern in die vielen Seiten des Wesens Mensch.

Als Jesus auferstanden war, erschien er seinen Jüngern und führte sie zum Glauben. Sie alle kennen die Emmaus-Geschichte: Zwei Jünger sind völlig am Boden zerstört unterwegs und tauschen ihren Jammer aus, weil Jesus tot ist. Da begegnet Jesus ihnen, sie aber erkennen ihn nicht. Er kommt mit ihnen ins Gespräch und erklärt ihnen alles: „Musste nicht der Messias leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Sie hören zu und verstehen nichts, erkennen ihn nicht. Als sie nach Emmaus kamen, rührte sich ein völlig irrationales Gefühl, das sie diesen Fremden nicht weitergehen lassen dürften. So drängten sie ihn zu bleiben, obwohl sie ihn auch jetzt nicht erkannten. Ihre Gefühle hatten jedoch erreicht, dass er blieb. Dann saßen sie bei Tisch, er nahm das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da erkannten sie ihn.

Bei einem körperlichen Geschehen, beim Ablauf eines Ritus wurde ihnen die Erkenntnis zuteil. Die verstandesgemäße Erklärung war wichtig, die Gefühle ebenso, beim Vollzug eines Ritus fanden sie zum Glauben. Der ganze Mensch war wichtig: „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete?“

Wenn es um Gott geht, steht der Verstand bisweilen an. Gefühle können helfen, ebenso religiöse Praktiken. Letztlich aber bleibt Gott der ganz Andere, den wir überhaupt nicht erfassen können. Unser Glaube zeigt uns einen Weg, wie wir dem völlig Unbegreiflichen ein wenig näher kommen können.