Erstellt am 14. September 2015, 09:12

von Thomas Hofer

Der Fluch des Vergleichs. Thomas Hofer, Politik-Berater, über die Aussage Faymanns zur Flüchtlingspolitik in Ungarn.

Mit Vergleichen ist es in der Politik so eine Sache. Zur Veranschaulichung einer Botschaft sind sie häufig unerlässlich. Schafft man einen originellen Zugang, trägt das auch noch zur Unterhaltung bei. Solche Momente sind aber die Ausnahme. Meist misslingen nämlich bemühte Versuche, das Publikum derart in seinen Bann zu ziehen.

Im Gegenteil: Der Schuss geht allzu oft nach hinten los. Ein spektakuläres Eigentor ist dieser Tage Bundeskanzler Werner Faymann „gelungen“. In einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ meinte der SPÖ-Vorsitzende mit Blick auf den tatsächlich fragwürdigen Umgang Ungarns mit den Tausenden Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Westeuropa auch durch unser Nachbarland ziehen: „Flüchtlinge in den Zug zu stecken in dem Glauben, sie würden ganz woandershin fahren, weckt Erinnerungen an die dunkelste Zeit unseres Kontinents.“

Bei aller legitimen Kritik an Ungarns Umgang mit der Asylkrise: Einen derart absurden Vergleich mit der Deportation und damit auch der systematischen Vernichtung von Millionen Juden und anderer Verfolgter im Dritten Reich darf man niemals anstellen. Jede auch nur vage Andeutung, man würde die Ereignisse von damals auf eine Stufe mit jenen von heute heben, ist einfach nur deplatziert. Wer es dennoch tut, verharmlost den industrialisierten Massenmord von damals. Manche, etwa Vertreter verschiedener extremistischer Parteien, machen das ganz bewusst. Sie wollen provozieren und die Geschehnisse von damals relativieren. Andere, und zu denen gehört Faymann, wollen auf aktuelle Missstände hinweisen und aufrütteln. Das ist zwar gut gemeint, aber das Gegenteil von gut. Denn sie vergreifen sich ungewollt an einem Kapitel der Geschichte, das in seinem Horror einzigartig bleiben muss.

Aus diesem Grund sollte sich der Kanzler bei Ungarn für seinen Vergleich entschuldigen. Das würde von Größe zeugen. Von seiner Kritik an der Flüchtlingspolitik des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán braucht er deshalb keinen Millimeter abzurücken. Bleibt Faymann dagegen bei seinem Bild, macht er sich angreifbar.