Erstellt am 13. Oktober 2015, 05:27

von Thomas Hofer

Der letzte rote Kaiser. Thomas Hofer, Politik-Berater, über den Ausgang der Wien-Wahl.

Zugegeben: Einen derart großen Abstand im rot-blauen „Duell“ um Wien hat kein Meinungsforscher gesehen. Die Grünen, die ÖVP und die Neos haben seit Wochen Medien und Experten davor gewarnt, dem Dreh auf den Leim zu gehen, dass es zwischen dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl und seinem Herausforderer, FP-Chef Heinz-Christian Strache, tatsächlich knapp werden könnte. Retrospektiv gesehen hatten sie Recht.

Faktum ist: Politfuchs Michael Häupl hat sich (wie an dieser Stelle vor wenigen Wochen beschrieben) als der „gute Hirte Wiens“ und als Anti-Strache inszeniert. So hat er sich erst in die Position manövriert, dass er die drei an den Rand gedrängten Parteien Grüne, Neos und ÖVP in Sachen Leihstimmen abgrasen konnte. Er hat es strategisch ganz anders angelegt als vor ihm die drei anderen sozialdemokratischen Spitzenkandidaten im Burgenland, der Steiermark und Oberösterreich. Dort versuchte die SPÖ, die anstürmenden Freiheitlichen inhaltlich und auch dem Stile nach zu imitieren. Man wollte als Schmiedl gegen den Schmied reüssieren – und das ging jedes Mal schief. Häupl legte es genau gegenteilig an. Er setzte auf eine klare Positionierung gegen die FPÖ und baute ein Sammelbecken für alle, die Strache verhindern wollten. Seit Sonntag ist Häupl der letzte rote Kaiser, der – wenn er es will – auch in der Bundespartei jede Entscheidung herbeiführen kann.

Wenn es eine Lehre für die Bundesregierung aus dieser Wien-Wahl gibt, dann ist es die, endlich aus der Defensivhaltung auszubrechen und sich aktiver und selbstbewusster den aktuellen Herausforderungen zu stellen. Zu befürchten ist, jedenfalls aus Sicht der Bundes-SPÖ, dass man meint, der eigene Kurs sei mit dem relativ glimpflichen Wahlausgang in Wien bestätigt worden. Das Gegenteil ist der Fall, denn Häupl hat allein aufgrund seiner Eigenpositionierung und gegen den Bundestrend sein Ergebnis halbwegs gehalten.

In der ÖVP dagegen kann man auch auf Bundesebene nicht zur Tagesordnung übergehen. Es braucht de facto eine Neugründung der Wiener Stadtpartei, die seit Sonntag als solche nicht mehr bezeichnet werden kann. Will man bei der nächsten Nationalratswahl auch nur in die Nähe der Nummer 1 kommen, müssen die Wiener Parteifreunde künftig dramatisch mehr liefern.