Erstellt am 01. April 2016, 06:24

von Petrus Pilsinger

Der „ungläubige“ Thomas. Abt Petrus Pilsinger OSB (Stift Seitenstetten) über den Apostel, der kritisch nachfragen und die Finger in offene Wunden legen wollte.

Den Finger in die Wunde legen, in offenen Wunden rühren! Das ist normalerweise gar nicht gut! Ständiges Bohren in Wunden kann dazu führen, dass sie nicht heilen! Der Apostel Thomas war so einer – er wollte unbedingt die Finger, ja sogar die ganze Hand in die offenen Wunden Jesu legen!

Deswegen nennen wir ihn gerne den ungläubigen Thomas. Wir denken: ein Skeptiker, ein Nörgler, wie er im Buche steht! Doch so steht er gar nicht im Buch des Evangeliums da.

Thomas hat Fragen! Diese frisst er nicht in sich hinein! Er macht es sich nicht leicht mit dem Osterglauben! Er möchte der Sache einfach auf den Grund gehen. Er will’s genau wissen. Es genügt ihm nicht, was andere sagen, er will sehen und berühren, um Jesus erfassen und begreifen zu können.

Thomas will deshalb die Finger in Jesu Wunden legen, weil er sich vergewissern will, ob der, von dessen Auferstehung alle erzählen, derselbe ist, den er am Kreuz hat sterben sehen. Was sollte an dieser Sehnsucht, mit eigenen Händen wie ein Blinder sich an die Wahrheit heranzutasten, verwerflich sein? Jesus jedenfalls ist offen für den widerständigen Weg des Thomas. Jesus Christus enttäuscht den Thomas nicht! Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite! Berührt sein, nachfragen, sich nicht abfinden mit dem Vorgegebenen, mit bloß Gehörtem ist nicht nur erlaubt, sondern kann sogar geboten sein!

Wer es in Sachen Glauben und Auferstehung wirklich wissen will, der darf, ja der muss sogar kritisch fragen, nachbohren und manchmal auch die Finger in offene Wunden legen. An den Wunden ist Christus der Auferstandene zu erkennen! Wunden im Leben gibt’s meistens genug! Die Frage ist nur: Wollen wir es wie Thomas auch wirklich so genau wissen?