Erstellt am 21. Juli 2016, 12:46

von Georg Wilfinger

„Ich habe keine Zeit“. Abt Georg Wilfinger (Stift Melk) über die fehlende Zeit, um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Wie oft haben wir ihn schon ausgesprochen, den Satz: „Ich habe keine Zeit“ oder: „Ich bin total ausgelaugt und muss noch so viel erledigen.“ Ein Mönchsvater erzählte seinen Mitbrüdern diese Geschichte: Es war einmal ein Holzfäller, der Zeit und Kraft verschwendete, weil er mit einer stumpfen Axt arbeitete. Als er darauf angesprochen wurde, erwiderte er, er habe keine Zeit, seine Axt zu schärfen. Die Katze beißt sich also in den Schwanz.

Wie oft lassen wir uns hetzen und unter Druck setzen durch Termine und Pflichten, durch Anforderungen, die wir meinen erfüllen zu müssen, durch Ansprüche, die wir an uns selber stellen! So geraten wir in Zeitnot. Wir nehmen uns nicht die Zeit zu überlegen und das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden; so versäumen wir es zu fragen: Worauf kommt es jetzt an? Wir lassen uns einfach mitreißen. Weil wir nichts weglassen können, werden wir atemlos und unzufrieden, haben kein Ohr mehr für andere – geschweige denn für Gott – und sind am Ende ganz erschöpft. Schlimmer noch: Wenn wir es zu weit treiben, verlieren wir uns selbst.

Die Menschen in Holland haben da ein tolles Sprichwort geprägt: „Die Leute, die niemals Zeit haben, tun am wenigsten.“ Ich denke, da ist was dran. Denn wenn ich dauernd nur unter Strom stehe, wenn ich nur hektisch und hastig handle, ist mein Herz nicht dabei. Vieles bleibt eben an der Oberfläche und bleibt so nur eine halbe Sache. Ich kann dabei abends zwar todmüde sein. Aber zufrieden bin ich noch lange nicht.