Erstellt am 13. Oktober 2016, 07:09

von Columban Luser

+sé — io = pace. Abt Columban Luser (Stift Göttweig) über die Friedensformel des in Assisi lebenden Künstlers Carlo Tedeschi.

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, ein paar Tage in der Stadt Assisi zu verbringen, wo vor 800 Jahren die Armutsbewegung und Friedensinitiative des „Poverello“, des hl. Franziskus, und seiner Gefährten ihren Anfang genommen hat. Assisi ist seither immer ein Ort, an dem viel für den Frieden gebetet wird und das Franziskanische „pace e bene“ (Friede und Gutes) allgegenwärtig ist.

Vor 30 Jahren hat gerade dort Papst Johannes Paul II. ein jährliches interreligiöses Friedensgebet mit großer Signalwirkung nach außen initiiert, das auch von seinem Nachfolger Papst Franziskus fortgesetzt wird und angesichts der festgefahrenen Friedensvermittlungen in Syrien und anderswo wichtiger ist denn je. Gebet um Frieden wird zu allen Zeiten wichtig bleiben, kann und darf aber nicht die Friedensbemühungen ersetzen.

In Assisi lebt derzeit der Komponist, Maler und Schriftsteller Carlo Tedeschi, der mit einer „mathematischen Friedensformel“ zum Nachdenken anregt: „+ sé – io = pace“ – frei übertragen: ein Plus, ein Mehr an tiefer Harmonie mit sich selbst, mit seinem innersten Wesenskern, und ein Minus an Ich, ein Weniger an Egozentrik, hat als Ergebnis den Frieden.

Diese Friedensformel lenkt den Blick auf eine wesentliche Ursache des Unfriedens: die Disharmonie mit sich selbst – ausgelöst durch fehlenden Selbstwert, Defizite in der persönlichen Beziehungsgeschichte, narzisstische Störung, vor allem aber durch das Gefühl, nicht geliebt zu sein. Wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, wer mit seinem innersten Lebenskern und Liebeskern in Unfrieden lebt, wird schwer mit anderen in Frieden leben können und Träger des Friedens sein.

Wer auch immer in der Friedenserziehung tätig ist, sollte dieses „+ sé“ im Blick haben – alles andere ist nicht nachhaltig!