Erstellt am 14. Juni 2016, 10:22

von Probst Maximilian Fürnsinn

Grabenkämpfe. Propst Maximilian Fürnsinn (Stift Herzogenburg) über die Diskussion, ob unsere Gesellschaft gespalten ist, ob Risse durch das Volk gehen.

Nach der Bundespräsidentenwahl hat es zur Lage in Österreich kräftige Statements gegeben: Die Gesellschaft ist gespalten; Gräben und Risse gehen durch das Volk; zwei Lager haben sich in Österreich gebildet.

Das sind dramatische Ansagen. Freilich gibt es in der Folge von allen Seiten auch Aufforderungen, die Gräben zu schließen, Einheit zu schaffen, die politische Rhetorik abzurüsten.

Dazu habe ich eine völlig andere Meinung: Lasst die Gräben und Risse offen! Aber reden wir darüber! Wir müssen uns ehrlich den Grundfragen unserer Gesellschaft stellen! Wir befinden uns in einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel! Wir haben uns zu fragen: Warum haben wir uns politisch auseinandergelebt? Wo liegen die gemeinsamen Fundamente unserer Gesellschaft? Welchen sozialen Konsens brauchen wir? Wie lösen wir die derzeitigen fundamentalen gesellschaftlichen Megafragen: Flüchtlingsfrage, die Überlebensfrage von Wirtschaft und Arbeit, die Bildung und Formung junger Menschen, die schon längst anstehende Staatsreform?

Dabei geht es nicht um ein bloß ideologisches Geplänkel. Denn man spürt in unserer Zeit die Sehnsucht nach dem Stabilen, Eigenem, nach Identität in Volk, Nation, Staat, Familie. Der Staat muss auch die Grenzen und den Frieden im Land schützen können. Es gibt keine Institution, die das übergeordnet leistet – auch die EU nicht.

Trotzdem reichen für diese Herausforderungen „Rahmenbedingungen“ allein nicht aus. Wir brauchen wieder mehr Verankerung in Religion, Weltanschauung und politischer Orientierung. Aber das verdunstet zunehmend in der politischen Praxis: beispielsweise lösen sich die Christdemokraten immer mehr vom „Christlichen“ ab und die Sozialdemokraten verlassen den „Sozialismus“.

Wir brauchen eine weltanschaulich verortete Politik. Unterschiede müssen sein! – Was auch fehlt, sind Visionen im Sinne von „Visionen für alle“. Nur damit begeistert man Menschen, vor allem junge Leute.

Ich nehme auch Weltanschauungen, Religionen und Kirchen in Pflicht. Sie müssen deutlicher sprechen. Sie sind unter anderem das Reservoir, aus dem Politik letzte Ziele und fundamentale Ethik beziehen kann. Wenn Politik allein Ziele absolut setzt, verfällt sie einem Totalitarismus und schafft ideologische Blöcke: Ist das nicht der derzeitige Istzustand?

Ich nehme auch die Medien in die Pflicht. Sie sind mitverantwortlich für das Gelingen einer offenen Diskussion. Derzeit scheinen sie eher an den Konflikten der Parteien interessiert zu sein, als einen positiven Beitrag für eine gesellschaftliche und politische Zukunft zu leisten.