Erstellt am 17. August 2016, 10:47

von Katharina Grabner-Hayden

An der Grenze. Die Paudorfer Autorin und Kolumnistin Katharina Grabner-Hayden weiß: Man kann sich auf die Eigenarten eines Österreichers verlassen, auch an der Grenze!

Katharina Grabner-Hayden  |  NOEN

Die Kinder dösen eingequetscht zwischen Luftmatratzen, Geschirr und Schlafsäcken im heißen Auto. Ich habe mir eine nasse Stoffwindel über das Gesicht gezogen, um meine Kopfschmerzen zu lindern, der Abschiedsabend von unseren slowenischen Freunden hatte lange gedauert. Mein Mann sitzt schweißgebadet am Lenkrad und steht kurz vor einer Explosion.  Der Stau an der österreichischen Grenze ist elendslang.

„Verdammte Kontrollen! Zuerst die Hysterie mit den Flüchtlingen und jetzt auch noch der Putin!“ knurrt mein Mann zornig. Ich versuche ihn zu beruhigen, um größeres Unheil von uns abzuwenden. So wie wir ausschauen, können wir mit der sprichwörtlichen Willkommenskultur nicht rechnen.

„Nach welchen Kriterien kontrollieren die eigentlich?“ frage ich ihn nervös.

„Nach dem Gesicht.“

„Aha“, mir wird mulmig, mein Mann hat nach tagelangem Sonnenbad und einem Dreitagesbart keine Ähnlichkeit mehr mit einem Österreicher. Ich ziehe vorsorglich die nasse Windel vom Kopf, verstecke das Palästinensertuch meines pubertierenden Sohnes unter dem Sitz und lege die NÖN demonstrativ auf die Ablage der Frontscheibe. Man kann ja nie wissen.

 „Du hättest dich vor der Abreise rasieren sollen, so lassen die uns nie über die Grenze!“ schnauze ich ihn an. Es kommt tatsächlich zu einer verbalen Explosion, die Kinder schreien, mein Mann keift und ich brülle zurück.

Gesichtskontrolle. Der Beamte fordert uns auf, rechts an den Rand zu fahren.

Es klopft an die Scheibe, „Wohin du fahren?“ fragt der Grenzler in den Wagen.

„Das geht Sie einen Schas was an!“ brüllt mein Mann im schönsten niederösterreichischen Dialekt zurück.

Ich denke, Schluss, aus, jetzt haben sie uns. Wir dürfen nicht einreisen.

Doch wie durch ein Wunder erhellen sich die gestressten Gesichtszüge des Beamten. Freundlich klopft er meinem Mann auf die Schulter, „Ah wie schön, a grantiger Österreicher! Passt, weiterfahren!“

 

Mehr zur Autorin Katharina Grabner-Hayden und ihren nächsten Lesungen im Herbst unter www.grabner-hayden.at