Erstellt am 26. Mai 2016, 07:44

von Michael Proházka

Inneres Gleichgewicht. Abt Michael Proházka (Stift Geras) über die Erkenntnis am Berg Athos.

In der vergangenen Woche durfte ich auf Einladung eines guten Freundes bei der Premiere des „Athos-Films“ im Künstlerhaus Wien dabei sein. Die faszinierenden Landschaftsaufnahmen und die Stellungnahmen der Mönche, warum sie dieses Leben gewählt haben, hielten die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer während der gesamten Vorführdauer buchstäblich in Atem. Besonders interessant fand ich den vielsagenden Untertitel des Films: „Im Jenseits dieser Welt“. Damit soll eine Lebensweise bezeichnet werden, die die vordergründigen Lebensziele wohl überschreiten kann. So faszinierte mich die Aussage eines Mönches, der feststellte, dass der Gehorsam gegenüber dem Klostervorsteher bzw. dem geistlichen Vater nicht einengt, sondern in eine neue, bisher ungeahnte Freiheit führt.

So etwas ist nur vorstellbar und einsichtig, wenn man diesen Weg selbst mal beschritten hat. Als regelmäßiger Besucher der klösterlichen Halbinsel Athos kann ich mich ganz gut in diese Welt hineindenken und hineinfühlen. Das wollen wir Ordensleute des Abendlandes doch auch! Dabei geht es nicht um naive Weltflucht, solche scheitert auch am Athos!

Wenn der Mönch betet, beschreitet er einen inneren Weg, um sein Herz von krankmachenden Leidenschaften zu reinigen, um so die Hesychia, das „innere Gleichgewicht“. zu erstreben. So wird er immer mehr eins mit Gott, der Schöpfung und allen Menschen.

Ich sage gelegentlich mit einem scherzhaften Lächeln auf meinen Lippen, dass wir Geraser Prämonstratenser durch unsere abgelegene Lage im äußersten Norden Österreichs direkt an der Grenze zum slawischen Kulturraum geradezu prädestiniert sind, der „Athos von Niederösterreich“ zu sein. Mit unserem im Stift gepflegten byzantinischen Ritus wollen wir nicht nur – wie es einmal der melkitische Patriarch Gregorios III. in Geras formuliert hat – einen Brückenschlag zur faszinierenden Tradition und Spiritualität der Ostkirchen verwirklichen, sondern den Menschen, die zu uns kommen, einen Ort „im Jenseits dieser Welt“ anbieten: Einen Ort, wo sie ihr inneres Gleichgewicht – oder wie es Professor Heinz Nussbaumer so treffend formulierte, „den Mönch in mir“ wieder finden können!