Erstellt am 19. November 2015, 06:28

von Alt-Abt Burkhard Ellegast

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Alt-Abt Burkhard Ellegast (Stift Melk) über Sehen und Verstehen als Boden, auf dem Hilfe gelingen kann.

Wir alle haben Augen und können sehen, mehr oder weniger gut. Wir können kurzsichtig sein, sehen nur in der Nähe gut, oder weitsichtig und sehen Dinge scharf, die weit weg liegen. Brillen helfen uns, Operationen können manche Mängel beseitigen (Grüner und Grauer Star). Es kann auch Ärgeres vorkommen, wo wir völlig erblinden können (Netzhautablösung).

Es gibt aber nicht nur eine Blindheit, die durch das Versagen unserer äußeren Sinnesorgane bewirkt wird, sondern es gibt auch eine Blindheit im inneren Sehen: Man sieht nicht, dass man etwas tun sollte, man versteht nicht, was gerade jetzt wichtig wäre, wir spüren nicht, worauf es ankäme. So oft sind wir kurzsichtig, sehen nur uns und unsere Probleme, dann wieder weitsichtig und sehen nur Probleme, die weit weg sind, die uns nicht berühren oder gegen die wir nichts tun können.

Manchmal können wir nicht tiefer sehen, weil wir manches nicht wissen oder eben nicht verstehen. Bisweilen wollen wir auch nichts sehen, weil wir uns einreden, es ginge uns nichts an, oder wir der Meinung sind, die Betroffenen sollen selbst schauen, was zu tun ist. Dann wieder neigen wir dazu, Dinge zu verdrängen: Wir schauen gar nicht richtig hin, weil sie nur lästig ist. In solchen Situationen sind auch wir gleichsam blind.

Wir stehen europaweit in einer sehr schwierigen Situation. Österreich war bis vor kurzer Zeit nicht direkt berührt: Lampedusa! Italien! – weit weg! Seit kurzem stehen wir voll in einer Problematik, die uns unmittelbar trifft. Wir spüren das ganz hautnah und sind völlig überfordert. Wir sind ein Durchgangslager, viele wollen auch bleiben. Wie sollen diese Massen bewältigt werden? „Wie kommen wir dazu?“, sagen die einen und machen ein Wahlkampfthema daraus. „Wir können sie doch nicht auf der Straße im Regen stehen lassen“, meinen die anderen.

Die Sache ist nicht einfach. Einerseits zeigt das Gebot der Nächstenliebe klar, dass wir helfen müssen, wir spüren es auch im Gewissen, wenn wir dieses nicht übertönen, andererseits: Wie soll das möglich sein? Ein gewisses Maß ist vorstellbar, aber wie soll es mit diesen Massen gehen?
Große Lösungen können wir nicht schaffen, aber die innere Bereitschaft zu helfen, wohl auch manches mit unseren Möglichkeiten zu tun, müsste uns klar sein. Große Lösungen müssen anderenorts gesucht werden, wir alle aber können durch unser Sehen und Verstehen den Boden dafür bereiten, dass Hilfe gelingen kann.