Erstellt am 23. August 2016, 09:40

von Hubert Wachter

Mein politisches Tagebuch. Hubert Wachter, Publizist, über die neue Arbeitswelt, die für die Koalition eine Herausforderung wird.

Dienstag/Mittwoch, 16./17. August

Neue – explosive? – Arbeitswelt. Es war eine zu Wochenbeginn medial fast versteckte, weil unangenehme Meldung, die von der OECD verbreitet wurde: Wie viele Jobs künftig in der Arbeitswelt Europas von Maschinen übernommen werden können. Die für Österreich wenig beruhigende: Roboter würden viele Jobs vernichten. Im Vergleich innerhalb der OECD-Staaten weise Österreich neben Deutschland und Spanien mit je zwölf Prozent den höchsten Anteil an Arbeitsplätzen auf, die – derzeit von Menschen ausgeübt – problemlos an Maschinen übertragen werden könnten (im Vergleich dazu: Korea und Estland nur sechs Prozent.) Am gefährdetsten: Büro- und Sekretariatstätigkeiten, Verkaufsberufe, Versicherungs- und Bankkaufleute, Post- und Zustelldienste, sogar Piloten und U-Bahnfahrer. Hingegen, so die OECD-Studie, seien die Sozialarbeit im weitesten Sinn (Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege, Kinderbetreuung), Elektroniker, Lehre und Forschung sowie Ärzte und Erzieher relativ ungefährdet.

Donnerstag/Freitag, 18./19. August

Neue Allianz: ÖVP-FPÖ-Team Stronach. Dabei, es geht bei dieser Neuordnung der Arbeitswelt um die Aufrechterhaltung, sprich Finanzierung des Sozialstaates. SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern nahm das Reizwort dafür gleich zu Beginn seiner Kanzlerschaft in den Mund: „Maschinensteuer.“ Will heißen: Wenn Jobs künftig von Maschinen übernommen werden – Stichworte: Digitalisierung, Roboter, also Wirtschaft 4.0 –, steht das Steueraufkommen der Unternehmen wegen höherer Produktivität samt gleichzeitiger Ersparnis teurer Lohn- und Personalkosten zur Debatte. Die Diskussion darüber wird immer härter. Dem koalitionspolitischen Nein von ÖVP-Chef Vizekanzler Reinhold Mitterlehner folgten sofort Indus-triellen-Präsident Georg Kapsch, Wirtschaftsbund-General Peter Haubner und Wirtschaftspräsident Christoph Leitl. Im Gleichklang mit der ÖVP marschierten zudem die FPÖ mit Herbert Kickl sowie Klubchef Robert Lugar vom Team-Stronach. Harte Debatten im Nationalrat sind zu erwarten.

Samstag/Sonntag, 20./21. August

Konkretisierte SPÖ-Pläne. Rechnet man die OECD-Studie selbst höchst vorsichtig hoch, bedeutet sie bis zu 200.000 Jobs, die verloren gehen. Dabei verzeichnet die Republik schon jetzt eine Rekordarbeitslosigkeit von 400.000 Menschen. Darum will Kanzler Christian Kern handeln. Unterstützt von ÖGB-Präsident Erich Foglar. Selbst Karl Blecha, Chef der SPÖ-Pensionisten, und dessen Generalsekretär Andreas Wohlmuth verlangen von der ÖVP, ideologische Scheuklappen abzulegen, und Partei-Generalsekretär Georg Niedermühlbichler spricht überhaupt von Diskussionsblockade in Schwarz.

Hannes Androsch: Statt Maschinensteuer mehr Fokus auf die Bildung.  |  NOEN, APA

Wohltuend in diesem Fall dagegen die differenzierte Haltung von Ex-Finanzminister Hannes Androsch: Er plädiert dafür, den digitalen Wandel nicht durch regulative oder steuerliche Maschinenstürmerei zu be- oder verhindern, sondern im Gegenteil voranzutreiben. Er mahnt deswegen erneut die umfassende Bildungsreform samt zeitgemäßen Berufsausbildern ein: Denn selbst Roboter müssten von Menschen entwickelt, hergestellt und programmiert werden. Weswegen den Universitäten, der Wissenschaft und Forschung, also Innovationen absolute Priorität einzuräumen sei. Ansonsten werde Österreich endgültig zum wirtschaftlichen Nachzügler abrutschen. Ein erfrischend vernünftiger Diskussions-Ansatz!