Erstellt am 05. Mai 2016, 09:04

von Columban Luser

Nathan, der Weise. Abt Columban Luser (Stift Göttweig) über das Stück „Nathan der Weise“ von Lessing, das das Jugendensemble vor der Göttweiger Stiftskirche aufführen wird.

Vor zwei Jahren hat es als Benefizveranstaltung für die große Dachsanierung unseres Klosters an der Stiege der Stiftskirche eine viel beachtete Jugendtheaterproduktion von Hofmannsthals „Jedermann“ gegeben: modern, unkonventionell, zeitgemäß. Heuer wagt sich dieses Ensemble einmal mehr an ein neues Projekt, das nicht weniger herausfordern wird: an den Klassiker „Nathan, der Weise“ von Gotthold E. Lessing (1729-1781).

Es ist ein Wagnis in mehrfacher Hinsicht: Zum einen ruft ja Lessing in seinem Werk besonders zu Toleranz unter den Religionen auf – gerade jetzt eine wichtige Botschaft, wo ausgelöst durch die Flüchtlingsströme eine starke konfessionelle Durchmischung der Bevölkerung im Gang ist, da und dort von Toleranz aber schon gar nichts zu spüren ist. Ob in Sachen Toleranz bei der gegenwärtig aufgeheizten Stimmung gegen Flüchtlinge und Muslime bei der Aufführung dieses Werkes große Zustimmung zu erwarten ist?

Zum andern steht Lessing als klassischer Aufklärer mit seiner berühmt gewordenen Ringparabel in seiner Kritik am Absolutheitsanspruch der drei großen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam zu diesen in krassem Widerspruch.

Zustimmung wird es da bei den sogenannten „relativistisch“ Gesinnten geben: „Alle Religionen sind ohnehin gleich“ – letztlich ist es egal, ob ich Christ bin oder Jude oder Muslim. Garantiert mit kritischer Auseinandersetzung und Ablehnung muss man bei denen rechnen, die in Sachen Konfession exklusiv denken und agieren – in welchem Lager auch immer.

Theater transportiert immer Botschaft, die anregen, aufrütteln bisweilen auch aufregen soll. „Kunst muss schließlich wehtun“, meinen manche. Ob Zustimmung oder nicht: die Jugend wird mit der Inszenierung von Nathan, dem Weisen sicher einen Nachdenkprozess auslösen, der möglicherweise gegen den Strich kämmt – warum nicht?

GLAUBE UND LEBEN