Erstellt am 06. April 2016, 10:24

von Michael Proházka

Papst ermutigt, auf den Menschen zu schauen. Abt Michael Proházka (Stift Geras) über das Jahr der Bamherzigkeit, dem ein herzloser, kalter Rigorismus entgegensteht.

Seit dem Jubeljahr 2000 begeht die Kirche auf Initiative von Papst Johannes Paul II. den Sonntag in der Osteroktav, also den „Weißen Sonntag“ als den „Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit“.

Wenn Papst Franziskus nun das Jahr 2016 zum außerordentlichen Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, dann tun wir gut daran, uns klarzumachen, welche Kräfte es sind, die dieser Barmherzigkeit immer wieder entgegenstehen. Ich möchte sogar behaupten, dass Jesu oft so heftige Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten sich genau um diesen Punkt gedreht hat.

Man kann den Pharisäern beileibe nicht vorwerfen, sie seien religiös oberflächlich oder gar korrupt gewesen. Ihr ganzes Leben war erfüllt von einer bis ins Detail geregelten Suche nach dem Willen Gottes, der sich nach ihrer Auffassung eben im „Gesetz“ widerspiegelte. Dieses Gesetz führte allerdings – so hat es der Apostel Paulus richtig gesehen – zum Tode und nicht zum Leben.

Das, was die pharisäische Lebenshaltung ausmachte, war ein herzloser, kalter Rigorismus, der in dem bekannten Ausspruch gipfelte: Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muss er sterben! Und genau da wird die ganze Sache nicht nur historisch bedeutsam, sondern bekommt eine recht aktuelle Note!

Wir erfinden zwar immer neue Strukturkonzepte, machen Planungen vom Schreibtisch aus, opfern aber dabei nur allzu oft das Leben! Wenn Papst Franziskus uns ermutigt, auf die Menschen zu schauen, und vor allem diejenigen in den Blick zu bekommen, die es am nötigsten brauchen, dann entspricht das genau der Haltung Jesus, der eben der „Abglanz der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters“ ist. Oder mit den Worten des jetzigen Papstes ausgedrückt: Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Menschen vereinigt!