Erstellt am 09. August 2016, 08:39

von Thomas Hofer

Umgang mit dem Terror. Thomas Hofer, Politik-Berater, über die politische Vereinfachung im Hinblick auf die Attentate.

Es ist ein menschliches, wenn auch kein liebenswertes Phänomen. Unsere Betroffenheit über Terroranschläge steigt mit der wahrgenommenen Nähe des Ereignisses. Sehr zugespitzt formuliert: Attentate in Kabul oder Bagdad, wie viele Opfer sie auch fordern mögen, lassen die meisten kalt. Da zählt auch keiner mehr mit, die Opfer sind ohnehin anonym.

Die Anschlagsserien in Frankreich regen viel mehr auf, die jüngsten Schreckenstaten in Bayern erst recht. Hier wird über die Biografie der Opfer berichtet, die Parallelen zum eigenen Umfeld werden als beklemmend wahrgenommen. Man hat das Gefühl: Die Einschläge kommen näher.

Manchmal kann man dieses Reaktionsmuster sogar auf engem Raum beobachten: Als ich vor Jahren in Washington D.C. lebte, war selbst in der Qualitätszeitung „Washington Post“ kaum etwas über die vielen Mordopfer im südöstlichen Stadtteil, vorwiegend bewohnt von Afroamerikanern, zu lesen. Das war für die Weißen eine andere Welt, eine, die sie nicht betraf, denn in diesen Stadtteil setzte keiner von ihnen einen Fuß. Wehe aber, es passierte etwas in einem „weißen Viertel“. Dann ging die Sicherheitsdebatte sofort los.

Ähnlich verhält es sich mit unseren politischen Reaktionsmustern. Wir tendieren dazu, Gruppen von Verantwortlichen abseits der tatsächlichen Attentäter oder ihrer Auftraggeber festzumachen. Das Problem sind dann „die Zuwanderer“, „die Asylanten“ oder „die Moslems“.

Das ist emotional vielleicht nachvollziehbar. Was allerdings auffällt ist, dass kaum einer meint, „die Männer“ wären das Problem, oder man müsste endlich was gegen die „18- bis 35-Jährigen“ unternehmen, obwohl objektiv betrachtet sehr viele Attentäter und Amokläufer in diese Geschlechts- und Altersgruppe fallen. Vor ein paar Jahren wehrten wir Österreicher uns zu Recht, als es nach den Fällen Priklopil und Fritzl in internationalen Medien hieß, wir hätten aufgrund der Keller-Torturen wohl ein kollektives psychisches Problem.

Vereinfachung hilft, komplexe und emotional schwer zu verarbeitende Ereignisse zu ordnen und zu bewältigen. Politisch allerdings ist sie meist gefährlich. Überreaktionen auf diesem Feld verändern den Charakter einer politischen Landschaft meist nachhaltig.