Erstellt am 17. März 2016, 06:04

von Columban Luser

Selbstbezogenheit oder „Ent-Grenzung“?. Abt Columban Luser OSB (Stift Göttweig) über unseren Narzissmus und eine Barmherzigkeit, auf die die vielen Flüchtlinge angewiesen sind.

In den letzten Tagen überschlagen sich die Ereignisse wieder einmal. Europa macht dicht. Mit dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs hat man die Zeit für endgültig vorbei gehalten, in der Grenzen und Barrieren das Bild Europas prägen. Der Traum von einem grenzen-losen Europa hat mehr und mehr Gestalt angenommen. Die jüngste Geschichte holt uns allerdings rasch auf den Boden der Realität. Neue Grenzzäune machen sichtbar, wie angstbesetzt ganze Länder ihr Mit-Sein mit den anderen ein- und abgrenzen und Flüchtlingsnot einfach weiterdelegieren.

Diese Grenzzäune haben etwas Symptomatisches an sich. Sie sind Ausdruck einer inneren Grenze, die Papst Franziskus als „abgeschottete Geisteshaltung“ bezeichnet. Als tieferen Grund dafür führt er die Verschlossenheit in die eigenen Interessen an, ins eigene Ich. Man könnte es auch narzisstische Selbstbezogenheit nennen.

Diese Verschlossenheit als Haltung ist gekennzeichnet durch innere Leere und Vereinsamung, durch Empfindungslosigkeit gegenüber den Nöten der Zeit und fehlende Begeisterung für das Gute.

Solches Christsein ist wie eine Fastenzeit ohne Ostern. Lebendiges, volles Menschsein und Christsein wächst dort, wo Menschen sich auf die Wirklichkeit Gottes einlassen und ihm erlauben, sie über sich selbst hinauszuführen.

Mit dem Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus für 2016 ausgerufen hat, geschieht so etwas wie eine „Ent-Grenzung“. Beim Thema Barmherzigkeit braucht es eine Grenz-Überschreitung, die sich zuerst im Inneren des Menschen vollzieht, dann aber konkreten Ausdruck in der Realisierung finden muss. Von der Barmherzigkeit nur zu träumen, hilft niemandem – schon gar nicht den vielen Flüchtlingen, die mehr denn je auf Barmherzigkeit angewiesen sind.

Gerade jetzt sollten wir das Wort Jesu neu hören und entsprechend handeln: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36)