Erstellt am 17. November 2015, 06:38

von Bernhard Schiesser

Skandal im Schatten. Bernhard Schiesser über den russischen Dopingskandal.

Läuferin Jennifer Wenth zeichnete schon vor Wochen im Gespräch mit der NÖN ein schauderhaftes Bild über die Gegebenheiten in der Leichtathletik-Szene. Sie vertraue dem internationalen Verband nicht. Ihre Zweifel und Befürchtungen bekamen durch den jüngsten Skandal reichlich Nahrung.

In Russland dopen, das belegen jetzt Untersuchungen, zahlreiche Sportler. Das wurde vom Staat offenbar sogar gefördert und vom Internationalen Leichtathletikverband – unter dem alten Präsidenten Lamine Diack – gedeckt. Unter dem neuen Präsidenten Sebastian Coe wurde die Sportgroßmacht vorerst von allen internationalen Bewerben suspendiert. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio könnten die russischen Läufer, Springer und Werfer dann doch wieder dabei sein. Vorausgesetzt sie sind bis dahin recht brav und kooperieren mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Ja eh – ist man geneigt zu sagen!

Beinahe zeitgleich sprengten sich am Rande des Fußballspiels Frankreich gegen Deutschland in Paris Attentäter in die Luft und rissen zahlreiche Unschuldige mit in den Tod. Eine unfassbare Tragödie, die einem Tränen der Trauer, Wut und Verzweiflung in die Augen treibt.

Angesichts dessen sind die Machenschaften im russischen Sport immer noch das, was sie sind, nämlich Betrügereien im großen Stil. Irgendwie wird der wohl größte Dopingskandal der Sportgeschichte durch die Pariser Terroranschläge dennoch relativiert. Vielleicht erkennen einige russische Sportler, Funktionäre, Minister oder Staatspräsidenten jetzt, wie klein im Geiste sie doch sind. Menschen unter staatlicher Schirmherrschaft wie Rennboliden zu tunen, damit sie schneller rennen, weiter werfen oder höher hüpfen als andere – in diesen Stunden möchte man fast darüber lachen.