Erstellt am 20. Oktober 2015, 08:32

von Thomas Jorda

Verdrängen statt erinnern. Thomas Jorda über die Gedenkausstellung „Verdrängte Jahre …“ im Stadtmuseum von Wiener Neustadt. Die Gewissenserforschung begann ziemlich spät.

Die Bahn zieht durch die Lande; nein, nicht nur auf der Schiene, sondern mit einer Wanderausstellung der besonderen Art. Die ÖBB hat im Jahr 2012, anlässlich der Feier ihres 175. Geburtstags, ihr Gewissen und ihre Geschichte erforscht. 

Und dabei herausgefunden, dass die Österreichischen Bundesbahnen (damals BBÖ abgekürzt) als Teil der Deutschen Reichsbahn von 1938 bis 1945 eine der wichtigsten Stützen des Naziregimes waren. Ohne die Bahn wären weder der Krieg (Stichwort Truppentransporte) noch die Judenvernichtung (Deportation in die Konzentrationslager) in dem bekannten Ausmaß möglich gewesen. Die Bahn als Transportmittel war für die Kriegslogistik der Wehrmacht und die Massentransporte in die Vernichtungslager unverzichtbar. Das wird in der Wanderausstellung „Verdrängte Jahre…“ vorbildlich gezeigt und thematisiert, aber auch die Kehrseite der Medaille, der bewundernswerte Widerstand mancher Eisenbahner.

Die Schau wird – nach Wien, Linz, Salzburg, Graz, Klagenfurt und Brüssel – nun im Stadtmuseum Wiener Neustadt gezeigt. Wichtig ist dabei, dass sich die bereits bisher immer hoch gelobte Ausstellung nicht auf ihren Lorbeeren ausruht, sondern in Wiener Neustadt ein eigenes Kapitel hinzufügt – die Bahngeschichte Niederösterreichs zur NS-Zeit.

Durchaus ein Wermutstropfen der Schau ist aber der Umstand, dass es fast siebzig Jahre gedauert hat, bis die ÖBB den Mut gefunden haben, über die eigene Geschichte nachzudenken, nachzuforschen und sich ihr zu stellen. Fast siebzig Jahre danach heißt nämlich, dass von Tätern und Opfern jener Zeit kaum noch wer lebt. Der Blick zurück ist zwar prinzipiell schmerzhaft, aber doch eher akademisch.

Die Schau ist auch Ausdruck der bekannten österreichischen Schieflage – die hohe Kunst des Verdrängens weicht viel zu oft viel zu spät dem Schmerz der Gewissenserforschung.