Erstellt am 08. März 2016, 06:44

von Thomas Jorda

Vorbilder gesucht. Thomas Jorda über das Phänomen Kaiser Franz Joseph, der hundert Jahre nach seinem Tod zu einer Identifikationsfigur Österreichs geworden ist.

Vor hundert Jahren ist Kaiser Franz Joseph gestorben. Zwei Jahre später war der Krieg verloren, das Reich in Trümmer gefallen und die Habsburger nach jahrhundertelanger Herrschaft weggefegt. Die junge Republik weinte ihnen keine Träne nach, fixierte in der Verfassung deren Rechtlosigkeit. Der Hass gegen Kaiser & Co. muss gewaltig gewesen sein.

Heute ist das anders. In vielen Nachfolgestaaten der ehemaligen Monarchie hat gerade der damals so ungeliebte Kaiser – nach einem Jahrhundert desaströser Erfahrungen – einen hervorragenden Ruf. Ja, die gute alte Zeit!

Selbst die „Sissi“-Filme sind etwa in den Ländern des Balkan immer noch ein Renner, stilprägend für die kollektive Erinnerung.

Und bei uns? Die Monarchisten sind weiterhin dünn gesät, und die Republikaner müssen sich keine Sorgen machen. Aber die intensive Beschäftigung mit dem alten Herrn in Schönbrunn ist schon bemerkenswert. Das fängt bei den gewaltigen Ausstellungen an, die uns ins Haus stehen, zum Beispiel in der National bibliothek, in den Schlössern Schönbrunn und Niederweiden, geht über eine Vielzahl von neu geschriebenen oder aufpolierten Geschichts büchern und führt bis zu der bemerkenswerten Situation, dass gleich drei heimische Tageszeitungen bunte historische Magazine zum Thema Kaiser Franz Joseph herausgebracht haben oder noch herausbringen werden. Was schon in den Trafiken zu finden ist, geht weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Der einst viel geschmähte Monarch ist attraktiv und durch den gnädigen Blick zurück zu einer Identifikationsfigur Österreichs geworden. 68 Jahre Herrschaft haben ihn, obwohl viel in dieser Zeit schief gelaufen ist, zu einem Monument im kollektiven Gedächtnis gemacht. Wir brauchen Vorbilder, von denen wir glauben, auf sie stolz sein zu können. Unter den Lebenden finden wir sie immer seltener.