Erstellt am 26. April 2016, 07:44

von Thomas Hofer

Wahl der Wende. Thomas Hofer, Politik-Berater, über das Ergebnis zur Wahl des Bundespräsidenten.

Nach dem Wahlkampfverlauf war es grundsätzlich keine Überraschung mehr, dass Norbert Hofer als Kandidat der FPÖ den ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl für sich entschieden hat. 

Das Ausmaß seines Vorsprungs allerdings macht ihn nicht nur zum klaren Favoriten für die Stichwahl. Es zeigt auch das Problem der anderen politischen Lager. Der lange in den Umfragen führende Alexander Van der Bellen rettete gerade noch Platz 2 ins Ziel. Der engagierte und professionell geführte Wahlkampf der unabhängigen Irmgard Griss blieb mit einem ehrenwerten dritten Platz letztlich doch unbelohnt.

Aus Sicht der Koalitionsparteien konnte man ein Desaster zwar erwarten. Das Ergebnis aber kommt einer Generalvernichtung gleich, gerade weil das freiheitliche Lager das Gros der Anti-System-Stimmen abstaubte. Der Begriff Kernschmelze ist für das, was sich am Sonntag abgespielt hat, noch ein Hilfsausdruck. Bei Rot und Schwarz darf nun in Sachen Organisation und Politikausrichtung eigentlich kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Wer sich rein auf den Persönlichkeitsfaktor und die evidente Schmach der Meinungsforscher ausredet, hat nichts verstanden. Die Anti-System-Haltung in der Bevölkerung dominiert, es gibt eine deutliche Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie hierzulande Politik gemacht wird.

Dass dieses Ergebnis die aktuellen Parteispitzen unter Druck bringt, ist ebenso klar wie fast schon nebensächlich. Vieles wird sich zwar um die Frage drehen, wann denn Werner Faymann und Reinhold Mitterlehner gehen müssen. Das muss nicht unbedingt gleich passieren. Dass es allerdings bei der nächsten Nationalratswahl neue Spitzenkandidaten gibt, wird immer wahrscheinlicher.

Doch zurück zum Präsidenten: Die Stichwahl wird eine Form der Polarisierung bringen, wie sie dieses Land wohl nur schwer verdauen kann. Einerseits ist zu erwarten, dass sich Vertreter unterschiedlicher Lager mit Van der Bellen solidarisieren und eine Phalanx gegen Blau bilden werden. Internationale Medien werden die Wahl als lohnendes Objekt der Berichterstattung entdecken. Die Frage wird sein, wie schrill die Warnungen vor einem Präsidenten Hofer werden. Je überdrehter die Debatte wird, desto eher kann der freiheitliche Kandidat auf den Waldheim-Effekt von 1986 (nach dem Motto „Jetzt erst recht“) hoffen.