Erstellt am 23. September 2015, 08:57

von Katharina Grabner-Hayden

Ziemlich beste Freunde. Gedanken zum Schmunzeln von Schriftstellerin Katharina Grabner-Hayden.

Katharina Grabner-Hayden aus der Nähe von Krems mit ihrem neuen Buch „Komm ins Bett Odysseus! Warum der eigene Mann der Beste ist“.  |  NOEN, NÖN
„Geben Sie Alter und Geschlecht ein und drücken Sie auf Enter.
Weiblich, 51. Nein, einundfünfzig bin ich ja noch gar nicht. Erst in drei Monaten, also 50. Enter.
„Geben Sie Körpergröße in Zentimeter ein und drücken Sie auf Enter.“

Naja, im Reisepass stehen noch 176 cm, ich bin aber sicher schon geschrumpft, egal also 176 cm. Enter.
„Zum Kalorienverbrauch Gewicht eingeben und Enter drücken.“

Verdammt, was will dieses scheiß Gerät alles noch von mir wissen? Mein Gewicht weiß nicht einmal mein Mann. Und ich sowieso nicht, weil ich mich nicht auf eine Waage stelle. Mir genügt der trostlose Blick in den morgendlichen Spiegel.

„Um weiter fortzufahren, geben Sie Ihr Gewicht ein und drücken Sie Enter!“ befielt mir dieser idiotische Ergometer wieder.

Ich drücke zitternd eine Doppelzahl ein, die ich dem Leser aber nicht verrate, nur so viel: Es ist eine Acht dabei. Eine Zahl, die ich hasse, nicht nur weil sie hoch ist, sondern auch deshalb, weil sie, wenn man sie querliest, das Zeichen für Unendlichkeit symbolisiert. Und unendlich langweilig und langwierig waren meine bisherigen Bemühungen, gesund zu leben.
 
Es ist September und ich versuche es wieder. Die Schule hat begonnen und auch der Ernst des Lebens. Alle haben gute Vorsätze, auch ich. Bis Weihnachten passe ich wieder in mein enges Dirndl. Garantiert.
Warum ich das mache, fragt sich nun der interessierte Leser, mein Mann ist ein aufgeschlossener und künstlerisch versierter Mann, er bewundert nicht nur Rubensfrauen als Gemälde in Museen, nein, er liebt sie auch bei sich im Bett (hoffentlich nur mich).

So tue ich mir wirklich schwer mit meinen Vorsätzen, denn jedes Kilo, das ich nicht mehr unter meinen Kleidern verstecke, vermisst er geradezu und meint dann flehentlich, von einer schönen Frau könne es einfach nicht genug geben.
 
Ich sah mir vor einiger Zeit beim Bügeln eine der vielen erschreckend gesunden Fernsehserien an, die jeder anständigen Frau die Schweißperlen auf die Stirne treiben. Von vier gefährlichen Lebenskillern war da die Rede, Rauchen und Alkohol,  Übergewicht und Bewegungsmangel.  Mir wurde mulmig, denn alle vier Killer kenne ich persönlich, sie sind sozusagen meine besten Freunde. Mindestens zwei dieser Mörder musste ich in Zukunft aus meinem Leben streichen, konnte mich aber beim besten Willen nicht entscheiden. Erst als mich beim Einkaufen ein alter Bekannter mit den Worten, „Mein Gott Katzi, ich hätte dich jetzt fast gar nicht wiedererkannt“ begrüßte, fiel mir die Wahl leicht.

Dieses Wörtchen fast traf mich wie ein Blitz, aber half mir, mich zumindest von zwei meiner Freunde zu trennen. Beide waren ausgesprochen traurig und lästig, wollten mich nicht gehen lassen. Ich blieb aber standhaft und das seit einigen Wochen. Also abnehmen und mehr Sport betreiben.
 
So strampelte ich vollkommen verblödet jeden Tag meine fünfzehn Kilometer auf dem Ergometer und kam mir wie eine Nacktschnecke vor, die sich nur von Zucchini und Salaten ernährte. Die Kalorien fielen von mir herunter wie die Blätter im Spätherbst. Ein herrliches Gefühl.

Mein Mann kam vor einigen Tagen spätabends vom Büro nach Hause, warf seine Sachen auf die Vorzimmerbank und ließ sich müde mit einem Bier in der Hand auf die Wohnzimmercouch fallen. Der richtige Zeitpunkt, dachte ich mir, ihn mit einer wunderbaren Nachricht zu erfreuen.  Aufgeregt wie ein Schulkind drehte ich mich einmal nach links, dann wieder nach rechts, „Und? Wie gefalle ich dir?“  

Es lag wohl an seiner Erschöpfung, wohl auch daran, dass Männern ein außerordentlich wichtiges Gen in der Kommunikation fehlt. Sie sagen einfach nie das, was Frauen gerne hören wollen.
„Hübsch wie immer, mein Schatz!“ gähnte er mich an. Ihm waren meine Diät und die stundenlangen Fahrradtouren auf dem Ergometer gar nicht aufgefallen.

„Warte, ich mache es dir leichter!“ und lief ins Schlafzimmer, um ihm meinen Gewichtsverlust (5 Kilo!!!) durch ein paar neckische Dessous erkennbarer zu machen. Nach ein paar Minuten keuchte ich zurück ins Wohnzimmer, die Haare geöffnet, die Lippen feuerrot nachgestrichen.
„Und?“ hauchte ich ihn verheißungsvoll an.

Die Antwort war vernichtend eindeutig, „krch, krch…..“
Er war bereits eingeschlafen.
 
So saß ich kurze Zeit später mit feuerroten Lippen und geöffnetem Haar in der Küche und feierte trotzdem meine ersten Kilos. Zwei meiner besten Freunde waren auch da. Ein Glas Prosecco und eine Zigarette.
Aber auch von ihnen werde ich mich in Kürze verabschieden.
Morgen. Oder vielleicht Übermorgen.

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