Erstellt am 25. April 2017, 01:35

von Martin Gebhart

Harald Mahrer im Gespräch. ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer über das Schulautonomiepaket, Gesamtschule und Gymnasium sowie die neue Bund-Länder-Behörde für den Bildungsbereich.

ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer  |  APA

NÖN: Herr Staatssekretär, Sie haben trotz Bedenken das Schulautonomiepaket in die Begutachtung geschickt. Warum glauben Sie und die Bildungsministerin, dass am Ende das herauskommen wird, was Sie sich vorstellen?

Harald Mahrer: Weil für mich die Interessen der Kinder im Mittelpunkt stehen und nicht die Interessen von spezifischen Einzelgruppen. Und weil sich der Bund gemeinsam mit den Ländern auf dieses Paket geeinigt hat. Das ist ja keine Bundeslösung allein. In der Begutachtungsphase können neue Ideen aufkommen und es kann – das ist bei jedem Gesetz so – faktenbasierte Kritik auf den Tisch gelegt werden. Dann wird man sich das gemeinsam anschauen.

Aber am grundsätzlichen Weg einer neuen Autonomie, dass am Schulstandort Fragen wie etwa die Länge der Unterrichtseinheit autonom beantwortet werden können, daran wird sich nichts mehr ändern?

Mahrer: Nein, weil das die Grundidee war. Wir wollen bewusst den Schulen mehr Freiräume geben, damit sie sich in ihrer Region besser auf die Bedürfnisse der Kinder, aber in der Folge auch der Eltern, einstellen können. Das dient unter anderem dazu, Kleinstschulen zu erhalten. Damit kann auf regionale Bedürfnisse eingegangen werden, weil diese am Land zum Teil anders sind als in den großen Städten. Deswegen kann man nicht alles über einen Kamm scheren und alles an jedem Ort gleich machen. Die Idee der Freiräume, um individuellere Förderung machen zu können, um sich besser vor Ort einstellen zu können – wo Niederösterreich übrigens in vielen Bereichen schon Vorreiter ist – ist ein Konzept, das österreichweit gut zur Wirkung kommen wird.

Wie schnell werden sich die Schulen überhaupt auf die neuen Freiräume einstellen können?

Mahrer: Das ist ein Entwicklungsprozess. Wir haben das auch bei den Universitäten gesehen. Das dauert einige Jahre. Das ist aber auch gut so, weil wir nichts über das Knie brechen wollen. Ich will nicht, dass bei den Schulen eine Operation am offenen Herzen passiert, dafür sind mir die Kinder und Enkelkinder in diesem Land zu wichtig. Man muss es behutsam machen. Wir verändern jetzt die Rahmenbedingungen und schaffen Möglichkeiten. Wir werden aber nicht alle dazu zwingen, es sofort umzusetzen.

Auf die Schuldirektoren kommt mehr Verantwortung zu. Bis hin zu dem Punkt, dass sie sich ihre Lehrer selbst aussuchen können. Was macht da etwa eine Schule im entlegenen Waldviertel, wenn kein Lehrer dort hin will?

Mahrer: Es gibt ja nach wie vor die Möglichkeit, dass die Schulverwaltung unterstützend eingreift und schaut, dass alle Schulstandorte ihr entsprechendes Personal erhalten. Auch hier gilt: Es wird sich Schritt für Schritt entwickeln.

Bei der Präsentation des Pakets hatte man am Anfang den Eindruck, dass dabei Schulpartner wie die Eltern überfahren werden könnten?

Mahrer: Woher die Kritik in dieser Vehemenz kam, haben wir alle nicht verstanden und war weder für die Bundes- noch die Ländervertreter nachvollziehbar. Wir glauben, dass zu wenig Detailinformationen im Umlauf waren. Wenn man es sich konkret ansieht, gewinnen die Schulpartner sogar ein an Einfluss bei gleichzeitiger Stärkung des Direktors, weil die Kompetenzen der Schulpartner ausgeweitet werden. Bei der Schulleiterbestellung etwa sitzen die Eltern beratend dabei. Das Einzige, was sich verändert, ist die Entscheidung der Klassenschülerhöchstzahl oder der Teilungszahl durch den Direktor. An der hat man sich sehr stark gerieben. Aber auch da gibt es ein Vetorecht der Schulpartner, die damit zur Behörde gehen können. Die Schulpartnerschaft ist uns sehr wichtig.

Bei der ersten Präsentation des Pakets durch Sie und die Frau Bildungsministerin sind zwei Reizthemen nicht angesprochen worden: Die Zukunft der Langform des Gymnasiums und die Gesamtschule. Sind diese Themen jetzt ausgeschlossen?

Mahrer: Wir haben uns den Themen gewidmet, die meiner Meinung nach für die Kinder wesentlich wichtiger sind. Das erste Thema ist, frühzeitig zu fördern. Das betrifft den Bildungskompass, das zweite Kindergartenjahr, frühkindliche Bildung, Spracherwerb vor Schuleintritt, um die wichtigen Grundlagen zu verbessern. Mir ist es gelungen, alle davon zu überzeugen, dass wir dort einen echten Schwerpunkt setzen müssen. Der zweite Punkt ist: Wenn jemand ein neues System ausprobieren möchte – da geht es um diese möglichen Modellregionen einer gemeinsamen Schule –, dann werden wir uns einer faktenbasierten Debatte nicht verschließen. Mich interessieren da nur die Fakten und das Ergebnis und nicht, was auf dem Türschild steht. Ich glaube aber schon, dass es nicht der Sinn der Schule sein kann, dass man alle Kinder gleich macht. Eine Einheitsschule habe ich immer abgelehnt, aber ich kenne auch eine Reihe von intelligenten anderen Modellen.

Kommen wir zur Schulbehörde: Da werden Bund und Länder zusammengespannt. Man hat den radikalen Schnitt, dass der Bund die Grundsatzgesetzgebung macht und die Länder die Verwaltung komplett übernehmen, nicht gewagt. Warum nicht?

Mahrer: Da ging es um ganz klare Machtfragen und um wechselseitiges Misstrauen. Ich habe das sehr schade gefunden. Ich hätte mir durchaus persönlich vorstellen können, dass wir eine klarere Aufgabenteilung machen. Was uns aber wichtig war, ist, mehr Transparenz, eine Qualitätsverbesserung und mehr Effizienz zu schaffen. Ich finde die geplante neue Bund-Länder-Behörde, die ein echtes Neuland ist, eine sehr guten Ansatz. Das löst die langjährige Blockade in der Schulverwaltung auf. Es ist ein viel größerer Schritt, als manche glauben. Mit der Abschaffung der Kollegien und mit mehr Transparenz in der Abrechnung der Bundes- und Landeslehrer, weil alle über das Bundesrechnungszentrum abgerechnet werden.