Erstellt am 24. November 2015, 05:48

von Martin Gebhart

Gibt noch viele Unklarheiten!“. In NÖ reagiert man auf das Papier von Ministerin Heinisch-Hosek und Staatssekretär Mahrer betont gelassen.

Klatschten zufrieden nach der Präsentation der Bildungsreform ab: SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer.  |  NOEN, APA
„Der Weg ist okay, aber es gibt noch relativ viele Unklarheiten.“ NÖ Landesschulratspräsident Hans Heuras klingt nicht sehr euphorisch, wenn er über die in der Vorwoche präsentierte Bildungsreform der Bundesregierung spricht. Wobei ihn weniger stört, dass er künftig vielleicht nicht mehr NÖ Landesschulratspräsident sondern „nur“ oberster Bildungsdirektor im Land sein wird. Mehr stört ihn da schon, dass viele Punkte vorerst bloß Überschriften sind, denen die konkrete Umsetzung fehlt. Heuras: „Ambitioniert, aber vielfach unrealistisch.“

Euphorischer waren da schon SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer, die in einer nächtlichen Sitzung das Paket in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe ausgehandelt hatten. Mahrer ließ sich bei der Präsentation am Tag danach sogar zu dem Wort „Geil“ hinreißen und klatschte betont lässig mit der Bildungsministerin ab.

Wobei beide nicht störte, dass es sich teilweise um ein Kompromiss-Papier handelt. Bei der Schulverwaltung konnte man sich wieder nicht entscheiden, ob Bund oder Länder dafür verantwortlich sind. Der Mittelweg: In den Bundesländern werden Bildungsdirektionen geschaffen, die vom Bund und von den Ländern verwaltet werden. Bei der Gesamtschule einigte man sich zwar auf Modellregionen. Diese müssen aber Kriterien erfüllen, um genehmigt zu werden. Vor allem die 15-Prozent-Grenze pro Bundesland.

Keine Modellregion für die Gesamtschule

Wobei sich Landesschulratspräsident Heuras aus heutiger Sicht schwer vorstellen kann, dass es in NÖ so eine Modellregion für die Gesamtschule der Sechs- bis 14-Jährigen geben wird. Heuras zur NÖN: „Weil ich mir das in der Praxis nicht vorstellen kann.“ Etwa: Wie soll Eltern verboten werden, ihr Kind in ein Gymnasium im Nachbarbezirk zu geben, wenn der Heimbezirk zur Modellregion für die Gesamtschule erklärt werden sollte.

Seitens des Bildungsressorts im Land wollte man zur Reform noch keine Stellungnahme abgeben. Man warte, bis die endgültige Reform auf dem Tisch liegt und im Parlament beschlossen werden kann. Bis dahin werde sich noch einiges ändern. Vor allem, weil einige Punkte eine Zwei-Drittel-Mehrheit benötigen und somit die Regierung entweder die Grünen oder die FPÖ ins Boot bekommen muss. Die FPÖ aber hat schon Nein zum Paket gesagt.

Eckpunkte des Reformpapiers

  • In den Bundesländern werden Bildungsdirektionen errichtet. Die bisherigen Präsidenten, Vizepräsidenten und Kollegien der Landesschulräte werden abgeschafft. Bildungsdirektionen werden von Bund und Ländern verwaltet.
  • Für die gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen können Bundesländer Modellregionen einrichten. Die Gesamtzahl der Standorte darf dort in keinem Bundesland 15 Prozent aller Standorte der jeweiligen Schulart überschreiten.
  • Lehrer sollen mehr Freiheiten erhalten. Lehrplanabweichungen sind in der Volksschule zu fünf Prozent möglich, im Gymnasium bis zu 33 Prozent. Jede Schule kann in Abstimmung mit den Schulpartnern Öffnungszeiten sowie Unterrichtsbeginn und Ende festlegen.
  • Aufgewertet wird die Rolle der künftig befristeten Direktoren: Sie entscheiden, welche Lehrer an ihrer Schule eingestellt werden.
  • Ein zweites „verpflichtendes“ Kindergartenjahr kommt. Dazu eine Qualitätsoffensive in der Kindergartenpädagogik.

Reaktionen

„Wir sind froh, dass man dem wichtigsten Gut für unsere Zukunft, der Bildung, endlich Bedeutung zusichert und über Reformen diskutiert. Dieses Ergebnis kann allerdings nur der Beginn von vielen weiteren Veränderungen sein.“
Sebastian Lembacher, Landesobmann der NÖ Schülerunion

„Ich freue mich, dass mit dieser Bildungsreform die Elementarpädagogik den Stellenwert eingeräumt bekommt, den sie verdient.“
Dorothea Schittenhelm, VP-Abgeordnete aus NÖ und Bundesleiterin der VP-Frauen

„Anstatt einer einheitlichen Verwaltung gibt es einen faden Kompromiss, auch die dringend notwendige Einführung der Gesamtschule wird weiter in ferne Zukunft verschoben.“
Christina Götschhofer, Vorsitzende der Aktion Kritischer Schüler (AKS)

„Die Absicht, das Entscheidungsrecht der Schulpartner vor Ort bei der Umwandlung von Gymnasien zu Gesamtschulen abzuschaffen, übertrifft unsere schlimmsten Befürchtungen.“
Theodor Saverschel, Präsident des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen

„Bei der Einführung von Modellregionen für Gesamtschulen wird davon ausgegangen, dass die bisher dafür notwendige Zustimmung der betroffenen Schüler, Eltern und Lehrer nicht erreicht wird. Was man auf demokratischem Weg nicht durchsetzen kann, möchte man jetzt offensichtlich durch die Abschaffung der Mitbestimmungsrechte erzwingen.“
Eckehard Quin, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft