Erstellt am 28. Oktober 2015, 05:32

von Stefan Jedlicka

„Zelte brauchen wir nicht mehr“. Nach dem Chaos der vergangenen Monate ist Ruhe eingekehrt. Man bereitet sich auf den Winter vor.

Lageralltag in Traiskirchen. Unbegleitete Jugendliche in einem der Schlafsäle.  |  NOEN, Stefan Jedlicka
Die Zeltstadt steht verlassen da. Wo vor wenigen Wochen noch mehrere hundert Flüchtlinge Schutz vor Wind und Regen gesucht haben, soll schon demnächst das große Aufräumen beginnen. Die Situation im Erstaufnahmelager Traiskirchen hat sich nach den turbulenten Sommermonaten beruhigt. Die Zahl der Menschen in der Betreuungsstelle ist von mehr als 4.000 auf unter 1.800 gesunken. Sie alle haben ein Dach über dem Kopf und eine Schlafstelle.

Mit dem Deutschen Kilian Kleinschmidt hat das Innenministerium einen Experten auf dem Gebiet der Flüchtlingsbetreuung als Berater engagiert. Er leitete unter anderem das Lager Zataari in Jordanien mit mehr als 100.000 Menschen. „Wir haben zunächst einmal die Probleme definiert, die es hier gegeben hat, und beginnen jetzt, sie Punkt für Punkt abzuarbeiten“, sagt er bei einem Rundgang durchs Lager Traiskirchen mit Journalisten. So etwa die Kritik, die Zahl der Obdachlosen vor dem Lager steige. Derzeit sei nur ein einziger Mann ohne Dach über dem Kopf, so Kleinschmidt: „Ihm wurde bereits ein fixer Platz im Aufnahmezen-trum Thalham zugewiesen, aber er ist hiergeblieben.“

„Wieder Zeit für Sozialbetreuung“

Zustände wie im heurigen Sommer werde es in Traiskirchen nicht mehr geben, verspricht er. Und betont: „Das war natürlich auf die Überbelegung zurückzuführen.“ Mittlerweile habe man die nötige Infrastruktur. Die aus Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten aufgestellten Zelte werden in den kommenden Wochen gereinigt und abgebaut. Sie sollen künftig für Katastropheneinsätze zur Verfügung stehen. „Wir werden sie hier nicht mehr brauchen“, ist Kleinschmidt optimistisch.

Das Lager bereitet sich auf den Winter vor. Kindergarten und Schulklasse sind wieder in Betrieb, es gibt Sport- und Freizeitaktivitäten, die Information werde verbessert, erzählt der Experte. Ein WLAN-Zugang soll eingerichtet werden. Vor allem lege man wieder mehr Augenmerk auf die Sozialbetreuung. Diese sei zuletzt auf der Strecke geblieben. Aber für die rund 1.200 unbegleiteten Minderjährigen – mit Abstand die größte Gruppe im Lager – sei diese Betreuung besonders wichtig. Familien mit Kindern sind in einem eigenen Haus untergebracht. 64 allein reisende Mütter mit Kindern suchen Schutz im Lager. Daher ist ein Ausbau des Frauenhauses geplant.

In der Schulklasse werden Grundlagen der deutschen Sprache vermittelt. Die Mitarbeiter im Lager tragen alle Beschriftungen, in welchen Sprachen sie kommunizieren können. „Wir sind noch nicht am Ziel, aber es gibt hier jetzt wieder Versorgung. Nicht mehr nur Krisenmanagement, wie noch vor kurzem“, meint Kleinschmidt.
 

Zum Thema

  • Trotz weniger Flüchtlinge im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen erfüllt Niederösterreich derzeit die zwischen Bund und Land vereinbarte Aufnahmequote mit 102,34 Prozent (Stand Freitag, 23. Oktober). In Summe werden derzeit 11.520 Flüchtlinge (Bund und Land Niederösterreich) betreut. Das Innenministerium musste somit bislang von seinem Durchgriffsrecht beim Unterbringen von Flüchtlingen keinerlei Gebrauch machen.

  • In der Grundversorgung des Landes Niederösterreich befinden sich derzeit 8.861 Asylwerber. Davon sind 573 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, so genannte UMFs. Bis Jahresende soll diese Zahl auf 900 bis 1.000 erhöht werden.

  • Aktuell sind in 46 Prozent der Gemeinden in Niederösterreich Flüchtlinge untergebracht. Seit Ende April – zu diesem Zeitpunkt hat SPÖ-Landesrat Maurice Androsch das Ressort übernommen – wurden 3.000 neue Plätze geschaffen und 5.340 Personen aus Traiskirchen übernommen. Bis Jahresende werden im Land noch 3.000 neue Plätze zur Verfügung stehen.