Erstellt am 02. August 2016, 06:10

von Carina Rambauske

„Gab früher 20 Brücken über die March!“. Ivo Nesrovnal, Bürgermeister der slowakischen Hauptstadt Bratislava, über die Zusammenarbeit mit Niederösterreich.

NÖN, Carina Rambauske

NÖN: Die Slowakei hat mit Niederösterreich eine 80 Kilometer lange Grenze. Wien und Bratislava sind nur 60 Kilometer voneinander entfernt − wie funktioniert angesichts dieser Nähe die Zusammenarbeit?
Ivo Nesrovnal: Bratislava hat sich historisch und geologisch in einer interessanten Lage entwickelt. Die Stadt liegt an der Grenze zu Österreich und Ungarn, was bedeutet, dass ein Teil des Hinterlandes der Stadt im Prinzip im Ausland liegt. Das heißt, wenn Sie nach Zusammenarbeit fragen, sehe ich eine formelle, offizielle und eine informelle Zusammenarbeit.

Und wie sieht diese auf offizieller Ebene aus?
Hier sind, in meinen Augen, die Ergebnisse für
25 Jahre nach der Wende spärlich. Das sind vor allem die Autobahn, der sehr erfolgreiche Twin City Liner und die Fahrradbrücke über die March. Vor allem auf der inoffiziellen Ebene funktioniert die Zusammenarbeit aber sehr gut, hier wird viel miteinander geredet. Und das muss auch weitergehen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Es ist eine Erfolgsgeschichte, dass viele Bratislaven in Niederösterreich, Burgenland und Ungarn leben. Das ist ein Erfolg, der sich im täglichen Leben abspielt. Die Leute kaufen Häuser in Österreich, zahlen Steuern, nehmen Dienstleistungen in Anspruch, gehen essen, einkaufen und tragen viel zur wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs bei. Und das, finde ich, sollte man den Österreichern auch einmal sagen. Mit einer Hand nehmen sie Gelder, aber wenn es um Brücken über die March geht, kommen die alten Ängste und Vorurteile hoch.

Die Kommunisten haben viel zunichtegemacht, nicht nur Brücken.

Sie sprechen dabei den negativen Volksentscheid 2014 für den Bau einer Brücke über die March bei Angern (Bezirk Gänserndorf) an?
Bevor die Kommunisten kamen, gab es über 20 Brücken über die March. Die Kommunisten haben viel zunichtegemacht, nicht nur Brücken.
25 Jahre nach der Wende gibt es noch immer keine Brücke, und das, finde ich, ist ein Unding.

Wie wichtig sind dann Vereinbarungen zur Zusammenarbeit, wie sie im Oktober mit Niederösterreich beschlossen wurde?
Es ist wichtig, sich miteinander auszutauschen, und Niederösterreich steht dem auch sehr offen gegenüber. Themen dieser Vereinbarung sind Sprachoffensive, Hochwasserschutz etc. Raumplanung ist auch ein Thema, weil die benachbarten Dörfer, wahrscheinlich mit Sorge, den Wachstum hier beobachten. Entsprechend wollen sie Informationen haben, was hier abgeht, und wir natürlich auch, was dort abgeht.

Wie wirkt sich das Wachstum der Stadt auf Niederösterreich aus?
Bratislava wächst und wird weiter wachsen. Große Unternehmen siedeln sich hier an. Es entwickelt sich eine enorme Wirtschaftskraft, die eindeutig auch direkt mit der Wirtschaftskraft von Niederösterreich und Burgenland zu tun hat. Die Leute kaufen Häuser, gehen einkaufen, Gesundheitswesen, Kindergärten – das wächst alles mit.

Wie kann die Zusammenarbeit bei touristischen und kulturellen Angeboten intensiviert werden?
Ich bin ein Freund von einem nachhaltigen, gegenseitigen Fremdenverkehr. Es ist schön, wenn uns Touristen aus China, Japan etc. einmal im Jahr besuchen kommen, aber es ist noch schöner, wenn unsere Nachbarn zu uns kommen. Wir tun das auch in Österreich. Aber man weiß noch wenig über uns, weshalb wir mit Werbemitteln die Leute im Umland informieren, dass es hier viel gibt.

Was wäre für Bratislava wichtig?
Was verbessert werden muss, ist die Flughafen-Flughafen-Verbindung, vor allem in Hinblick darauf, dass der Flugverkehr in den nächsten Jahren stark zulegen wird. Nach Schwechat gibt es eine Gleisanbindung, die aber in der Mitte, bis kurz vor Wolfsthal, unterbrochen ist. Eine Reaktivierung hat bis jetzt nicht funktioniert. Schade, das Potenzial wäre da.

Bratislava ist eine noch sehr junge Hauptstadt. Welche Themen bewegen Sie aktuell?
25 Jahre waren noch nicht genug Zeit, um Strukturen und Finanzen aufzubauen. Es fehlen Regeln, wir sind dabei, sie aufzustellen. Dazu gehören ein geordnetes Stadtbild, Regeln für Mobilität, dass Kompetenzen vernünftig aufgeteilt werden. Und vor allem, dass mehr Geld vom Staatshaushalt für die Funktion als Hauptstadt nach Bratislava geholt wird. Wir sind zwar eine Hauptstadt, haben für das ganze Land eine gewisse Funktion, müssen das aber aus eigener Taschen finanzieren. Der Status der Stadt muss gestärkt werden, damit wir die Aufgaben wahrnehmen können, die auf uns zukommen.

Mit 1. Juli hat die Slowakei zum ersten Mal den EU-Ratsvorsitz übernommen. Ein Ziel ist, das Vertrauen der Bürger in die EU zu stärken. Wie kann das gelingen?
Für die Slowakei ist die EU lebenswichtig. Jene, die über einen Austritt reden sind Wahnsinnige, die nicht wissen, wovon sie reden. Natürlich ist die EU nicht perfekt, aber die Vorteile sollten gegenüber den Nachteilen klargestellt werden.