Erstellt am 22. Dezember 2015, 01:48

von Martin Gebhart

Michael Landau: "Können es gemeinsam bewältigen". Caritas-Präsident Michael Landau über Diskussion mit Innenministerin, Nöte der Österreicher und Jahr der Integration.

Michael Landau  |  NOEN, APA/GEORG HOCHMUTH

NÖN: In der Sendung „Frühstück bei mir“ hat die Innenministerin Johanna Mikl-Leitner darauf verwiesen, dass es sie getroffen hat, dass Sie ihre Warnung vor der Flüchtlingswelle vor einem Jahr als ein Sommertheater bezeichnet hatten. Wie sehen Sie das heute?
Landau: Wir haben das in der Zwischenzeit gut ausdiskutiert. Es ging damals um die Frage: Wie gehen wir als Österreich mit einer sich abzeichnenden fordernden Situation um? Wir sind als Caritas seit vielen Jahren auch in der Krisenregion, zum Teil auch in Syrien mit Hilfe präsent und wissen daher um die dramatische Situation der Menschen vor Ort. Wenn die Ministerin darauf hinweist, dass die Lage in dieser Region dramatisch ist, sind wir Verbündete. Ich habe es aber als ganz schwierig empfunden, dass damals eine Zeit lang Tag für Tag Alarmmeldungen aus dem Innenministerium gekommen sind, statt zu sagen: Ja, wir stehen vor einer fordernden Situation. Und wir können diese Situation nur gemeinsam bewältigen.

Wurde zu sehr dramatisiert?
Aus meiner Sicht sind hier ganz einfach viele Sorgen und Ängste in die Diskussion hinein getragen worden. Und nichts hemmt Solidarität so sehr wie Angst. Diese Zeit hätte besser genutzt werden können. Etwa, um früher nach Quartieren zu suchen und um ein Klima des Miteinanders zu schaffen. Stattdessen haben sich etwa die Ministerien, das Innen- und das Verteidigungsministerium, viel zu lange den Ball zugespielt. Ich bin froh, dass sich das geändert hat. Klar ist: Wir können die Aufgaben, vor denen wir stehen, auch in Österreich nur mit einem breiten Schulterschluss bewältigen. Da müssen alle zusammenstehen: Bund, Länder, Gemeinden, auch die Zivilgesellschaft. Gerade den Bürgermeistern kommt hier eine Schlüsselfunktion zu.

„Für mich muss das kommende Jahr
ganz stark ein Jahr der Integration werden.“

Sie haben die Bürgermeister angesprochen. Da hat sich bei der Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, einiges geändert.
Ja, ich sage das mit einem ganz großen Danke an die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Niederösterreich, an die Pfarrgemeinden, die Klöster, an die vielen Vereine, Privatpersonen, die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer. Österreichweit haben sich bei der Caritas in den vergangenen Monaten etwa 15.000 Menschen gemeldet, die sich engagieren wollen. An den Bahnhöfen, an den Grenzen und in den Notquartieren. Hier wird bis heute Unglaubliches geleistet. Es freut mich, dass es heute einfach sehr viele Orte der Mitmenschlichkeit in unserem Land, gerade auch in Niederösterreich gibt. Ich halte das für ein ermutigendes Zeichen.

Woran denken Sie da konkret?
Die vergangenen Monate haben gezeigt, wir schaffen das und wir schaffen es auf eine menschlich beeindruckende Weise. Da lassen sich sehr viele Gemeinden auch benennen. Ich denke etwa jüngst an Melk, wo das Stift bis Weihnachten noch 30 Plätze für schutzsuchende Menschen schaffen möchte. Ich denke an Horn, an Breitenfurt, an Klosterneuburg, an Langenzersdorf, an Eggenburg. Das heißt: An sehr, sehr vielen Orten sind Menschen da, die Verantwortung übernehmen, die Mitmenschlichkeit leben auf eine sehr unaufgeregte Weise und im Wissen darum, dass Menschen, die vor Krieg, vor Terror fliehen, auch Schutz und Hilfe brauchen. Wir sehen, dort wo Begegnung gelingt, wo Menschen in ihrer Geschichte, in ihrer Situation auch erkennbar waren, wo man die Schicksale hinter den Zahlen spürt, dort begegnen die Menschen einander mit Menschlichkeit und sehr viel Verständnis.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner spricht aber immer auch davon, dass die Bevölkerung in dieser Frage nicht überfordert werden darf?
Ich glaube, wir müssen auf zwei Dinge achten. Das eine ist, wie es uns gelingt, die Menschen mitzunehmen, die jetzt Sorge haben. Die sich fragen, ob wir diese Aufgabe als Land bewältigen können. Ich halte es aber auch für wesentlich, jetzt ebenso die Nöte der Österreicher nicht zu vergessen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, die Aufmerksamkeit des Landes, die Aufmerksamkeit der Republik fokussiert ausschließlich auf das Thema „Menschen auf der Flucht“. Wir haben ganz bewusst als Caritas jetzt auch unsere Aktivitäten ausgebaut, etwa, wo es um Wohnungslosigkeit, um Arbeitslosigkeit geht. Wir sehen, dass es Menschen gibt, die Sorge haben, was die Zukunft der Pflege betrifft. Bis hin zur Hospizarbeit, wo wir ein großer Träger sind und hier die Angebote erweitern wollen und müssen. Für uns als Caritas ist klar, es kann nicht heißen entweder oder, sondern es muss heißen sowohl als auch. Wir müssen für die Menschen da sein, die uns unmittelbar brauchen.

Die Bischofskonferenz hat im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdiskussion formuliert: Wer Österreich liebt, spaltet es nicht. Besteht nicht dennoch die Angst, das Flüchtlingsproblem könnte die Gesellschaft zerreißen?
Ich glaube, die richtige Antwort darauf ist Information, ist Haltung, ist Begegnung – und für mich muss deswegen das kommende Jahr ganz stark ein Jahr der Integration werden. Wir müssen vor Ort helfen und nach Möglichkeit Frieden schaffen. Gemeinsam können wir aber auch die Herbergsuche in Österreich und Europa zu einem menschlich guten Abschluss bringen.


Zum Thema

In Niederösterreich betreibt die Caritas – hauptsächlich im Bereich der Erzdiözese Wien – derzeit zwölf Einrichtungen, in denen insgesamt rund 900 Flüchtlinge untergebracht sind. Darunter drei Häuser in Maria Enzersdorf (St. Gabriel), Eggenburg und Guntramsdorf, wo nur unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden. In St. Gabriel gibt es auch ein Notquartier.