Erstellt am 17. April 2018, 02:27

von Karl Ettinger

Die Vermissten von Stalingrad. 500 Angehörige haben sich an den Historiker Stefan Karner gewandt, der in den russischen Archiven das Schicksal ehemaliger Soldaten erforscht.

"Selbst wenn die Ärzte in Stalingrad operieren konnten – oft, wie die Aufnahme zeigt, unter freiem Himmel – und das entsprechende Besteck vorhanden war, verhinderten meistens die Bedingungen die Heilung. Tausende verwundete Soldaten harrten in den Kellern und Ruinen aus", erklärt Dissertantin Teresa-Maria Kristan.  |  Dissertantin Teresa-Maria Kristan

"Es ist klar, der gehört zur Familie.“ Die Erinnerungen sprudeln aus Elfriede Kropik heraus, als sie erzählt, warum sie sich mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wegen eines Vermissten an den Grazer Historiker Stefan Karner und sein Team vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung gewandt hat. „Onkel Otto“ wurde er genannt: Otto Karl Grauer. Geboren am 13. Juni 1903, aus Wimpassing im Schwarzatal.

Opfer des Krieges: Otto Karl Grauer (links) und Schwager Johann Vacha.  |  Kropik

Die pensionierte Umweltreferentin Kropik aus Eichgraben im Wienerwald hat neue Hoffnung, Näheres über sein Schicksal zu erfahren. Anlass war, dass Karner Ende Jänner Zugang zu Dokumenten über Österreicher und Deutsche in Kriegsgefangenschaft nach der Kapitulation in Stalingrad im Winter 1943 in einem Archiv in Moskau erhalten hat und Angehörige aufgerufen hat, sich zu melden.

6.000 Stalingrad-Überlebende

Rund 500 haben das getan. Und warum? Bei der 69-Jährigen ist ein Grund: Aus ihrer Kinderzeit sind ihr Sätze der später verstorbenen Tante Mitzi noch im Ohr: „Mitten beim Mikado-Spielen hat sie gesagt: ,Mein Gott, wenn nur der Otto noch da wär.‘“ Die zweite Triebfeder ist eine Art unausgesprochenes Vermächtnis ihres Vaters Johann Vacha, der den Krieg überlebt hat, aber mittlerweile verstorben ist. Dieser hat Otto, der auf dem Weg nach Stalingrad war, zufällig Mitte 1942 bei einem Bahntransport in Dnjepropetrowsk getroffen. Vom 14. Juni datiert ein Foto der Männer. Datum und Ort sind handschriftlich auf der Rückseite vermerkt.

Die letzte Nachricht Grauers stammt vom 2. November 1942 – eine selbstgezeichnete, frühe Weihnachtskarte. „Ich bin überzeugt, mein Vater hat nicht so sehr darunter gelitten, dass er verwundet worden ist, sondern dass Otto nicht mehr nach Hause gekommen ist“, sagt Kropik.

In Stalingrad sind binnen zwei Tagen 90.000 Soldaten aus Deutschland und vor allem aus Nieder- und Oberösterreich sowie aus Wien in Gefangenschaft geraten. Es gab nur 6.000 Überlebende, davon geschätzt 700 Österreicher. „Das Schicksal von 4.000 Betroffenen könnte nun geklärt werden“, hofft Karner.