Erstellt am 25. April 2017, 01:35

von Walter Fahrnberger

„Verstehe meine Landsleute nicht“. Über 73 % der Austro-Türken stimmten mit Ja. Gespaltene Meinung auch in NÖ.

In Berlin wurde in der Vorwoche gegen die angebliche Wahlfälschung beim Türkei-Referendum protestiert. Auch in Österreich wurden zuletzt Stimmen über illegale Doppelstaatsbürgerschaften laut, die das Ergebnis verfälscht hätten können.  |  APA/dpa/Jörg Carstensen

Das knappe „Ja“ mit 51,4 Prozent beim Verfassungsreferendum in der Türkei war nicht nur bei in Österreich lebenden Türken heiß diskutiertes Thema. Dass 73,2 Prozent (ca. 40.000) von ihnen für die Machtkonzentration bei Präsident Recep Tayyip Erdogan stimmten, wurde hierzulande sehr kritisch mitverfolgt.

Zahlen, wie viele der 25.000 in Niederösterreich lebenden türkischen Staatsbürger gewählt haben, gab die türkische Botschaft auf NÖN-Anfrage keine bekannt. Darüber hinaus sind in den letzten Tagen Gerüchte um illegale Doppelstaatsbürgerschaften laut geworden. Wie gespalten die Lager sind, zeigen Stellungnahmen von bei uns integrierten Türken.

"Ich weiß, wie grauslich der türkische Staat sein kann"

„Ich verstehe meine Landsleute nicht. Wie kann man hier in Österreich in einer Demokratie mit ansprechendem Sozialsystem leben, aber die Diktatur in der Türkei wählen?“, schüttelt Ismet Özdek, Betreiber einer Tanzschule in Bruck/Leitha den Kopf. Özdek ist seit 1995 österreichischer Staatsbürger und konnte deshalb keine Stimme abgeben

. Mit seiner Meinung hält der Kurde aber nicht hinter dem Berg: „Ich weiß, wie grauslich der türkische Staat sein kann.“ Für Özdek zeigt sich deutlich, dass in Tourismusgebieten und dort, wo der westliche Einfluss größer ist, gegen Erdogan gestimmt wurde. Ein Ja für den Diktator passt für ihn nicht zu den europäischen Werten. Weshalb Özdek die Meinung vieler heimischer Politiker teilt, dass ein EU-Beitritt der Türkei in weite Ferne gerückt ist.

Teczan Soylu, Inhaber vom Café Wellenstein in St. Pölten, hingegen meint, die Türken würden ihrerseits nicht mehr in die EU wollen. Das Votum für Erdogan sieht er als wichtiges Zeichen, dass seine ehemalige Heimat einen Aufschwung erlebt: „Erdogan ist ein Politiker, der im Vergleich zu anderen in Europa noch Visionen hat. Wir waren wirtschaftlich immer um 15 Jahre hinten nach. Wasser und Elektrizität waren keine Selbstverständlichkeit. Das ist unter Erdogan anders. Dafür gibt es viele Beispiele.“

Angst vor der angekündigten Einführung der Todesstrafe in der Türkei hat der Lokalbesitzer nicht: „So weit wird es nicht kommen.“