Erstellt am 21. Mai 2017, 05:30

Von der Solaranlage direkt zum Zug. Das weltweit erste Bahnsolarkraftwerk erzeugt jährlich den Energiebedarf von zweihundert Zügen für eine Strecke von Wien nach Salzburg.

In Wilfleinsdorf bei Bruck an der Leitha wird Energie aus der Sonne geradewegs in die Oberleitung geschickt.  |  Brigitte Wimmer

Zwischen der Bundesstraße 10 in der Nähe des Industriegelände West von Bruck an der Leitha und östlich vom Bahnhof Wilfleinsdorf befindet sich entlang der Gleise auf einem zwei Hektar großen Grundstück der Österreichischen Bundesbahnen eine 7.000 Quadratmeter große Photovoltaikanlage.

Am Weg zum Solarkraftwerk kann es passieren, dass ein Rudel Rehe die Schotterstraße quert, und auch Falken kreisen des Öfteren über der Anlage. Auf die Frage, ob die Solarpaneele für Tiere gefährlich seien, antwortet ÖBB-Projektleiter Michael Gammer: „Die stromführenden Teile der Zellen sind mit einer Beschichtung überzogen und daher harmlos für Tier und Mensch.“ Sogar der Zaun rund um die Anlage wurde zur Berücksichtigung für die Kleintierquerung erst in einer Bodenhöhe von 15 Zentimetern gebaut.

Was macht diese Solaranlage so einzigartig?

Aus historischen Gründen fährt die österreichische Bahn mit 16,7 Hertz Wechselspannung. Doch die europäischen Stromnetze (auch das österreichische) arbeiten mit einer Frequenz von 50 Hertz. Somit muss die ÖBB, wenn sie öffentlichen 50-Hertz-Strom verwendet, mittels eines Frequenzumformers auf 16,7 Hertz umwandeln. Dabei entstehen Umwandlungs- und Übertragungsverluste.

Der Strom des Bahnsolarkraftwerkes wird aber gleich von den Solarpaneelen auf 16,7 Hertz Wechselspannung umgewandelt und direkt in die Oberleitungen der Ostbahn gespeist – dieses Verfahren ist weltweit neu! Die Solarwechselrichter entwickelte die Firma Fronius aus Wels exklusiv für diese ÖBB-Anlage, doch die Idee für das Direktkraftwerk stammt von Johann Pluy vom ÖBB Business Competence Center.

Michael Gammer (Projektleiter der PV Anlage Wilfleinsdorf) war begeistert von der Spitzenleistung des Photovoltaikwerkes, fast 10 Kilowatt pro Solarwechselrichter, an diesem sonnigen Apriltag  |  Brigitte Wimmer

Projektleiter Gammer erklärt stolz, dass die Bahn dank des Sonnenkraftwerks seit 2015 jährlich 400 Tonnen CO2 einspart und rund 1.100 Megawattstunden Strom erzeugt.

Überhaupt verwendet das staatliche Unternehmen mehr als 90 % des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen, besitzt im Westen Österreichs eigene Wasserkraftwerke und ist stolz darauf, keinen Atomstrom zu beziehen. Im September 2017 wird das Projekt „Bahnsolarkraftwerk Wilfleinsdorf“ eine österreichische Attraktion auf der Weltausstellung mit dem Thema „Energie der Zukunft“ im kasachischen Astana sein. „Im Österreich-Pavillon der Expo präsentieren wir Anschauungsmaterial unserer Solar-
anlage“, meint Gammer.

Wer kümmert sich um das Kraftwerk ?

Überwacht und ferngesteuert wird die Anlage aus der Energieleitstelle des ÖBB-Technikzentrums in Meidling. Vor Ort gibt es weniger zu tun. Nur die beiden Mähroboter, die den Rasen kurz halten sollen, finden manchmal ihre Ladestation nicht mehr und müssen dann händisch angedockt werden. Immer wieder schaut auch ein Techniker nach dem Rechten.

Die Mähroboter der Anlage.  |  Brigitte Wimmer

Die Solarzellen sind zur Diebstahlsicherung mit GPS-Empfängern ausgerüstet und können jederzeit geortet werden. Die Solarzellen-Reinigung erledigt der Regen mithilfe der schrägen Stellung der Flächen. Das Solarkraftwerk ist äußerst zuverlässig und hatte seit der Inbetriebnahme 2015 noch keine wesentlichen Ausfälle.