Erstellt am 06. Mai 2016, 05:04

von NÖN Redaktion

Business-Angel Michael Altrichter: „Scheitern kann man oft“. Seit 2011 ist Michael Altrichter als Business Angel tätig. Der Allhartsberger über die österreichische Neidgesellschaft, Veränderungen in der Gründerszene und sein Bauchgefühl.

Michael Altrichter (2. v. l.) im Gespräch mit Thomas Nemetz, Florian Gibitz und Bernhard Übellacker (v. l.). Sie führen das Unternehmen Ocean Maps GmbH, an dem Altrichter eine Beteiligung hält.  |  NOEN, Presse&Foto FRANZ GLEISS

NÖN: Wie ist der Status quo in der österreichischen Gründerszene? Gibt es viele gute Ideen und dafür auch bereitwillige Investoren?
Michael Altrichter:
Es gibt sehr viele Start-ups. Von den guten Start-ups gibt es aber schon ein bisserl weniger. Gute Start-ups bekommen sehr viel Geld von Investoren. Heißt: Start-ups haben es nach wie vor schwer, an Geld zu kommen. Die guten aber nicht – die können es sich in der Regel aussuchen.

Und was macht ein gutes Start-up aus?
Eine gute Idee, ein tolles Produkt, einen unendlichen und einzigartigen Markt und vor allem: ein tolles Gründerteam.

Was hat sich in der Gründerszene verändert, seit Sie selbst 2000 gegründet haben?
Ich bin seit 2011 aktiver Angel. Als ich gegründet habe, gab es noch keine Angelszene. Da war das Gründen noch etwas Exotisches. In den letzten Jahren hat sich da sehr viel getan, ein Start-up zu gründen ist fast schon Mainstream geworden und das Thema ist in die Breite gegangen.

Sie sind einer der wenigen Business-Angels, die in der Öffentlichkeit auftreten. Warum ist das so, dass sich Investoren in der Öffentlichkeit zurückhalten, und warum machen Sie es anders?
Sie haben Recht, die meisten Business Angels halten sich zurück, weil es der österreichischen Kultur so entspricht. Es gibt bei uns leider eine Neidgesellschaft. Eigentlich hat man schon ein Problem, wenn man ein Unternehmen gründet. Man muss rechtfertigen, warum man gründet.

Und dann hat man in der Folge sowieso ein Problem. Es gibt in Österreich keine Kultur des Scheiterns. Man ist der Buhmann, wenn man einmal auf die Schnauze fällt. Und wenn man erfolgreich ist und Millionen verdient, dann ist man auch irgendwie der Buhmann. In der österreichischen Neidgesellschaft ist es sehr verpönt, durch einen Exit Geld zu verdienen. Deswegen gehen viele Leute damit nicht in die Öffentlichkeit.

Von mir war das eine bewusste Entscheidung, die ich abgewogen habe. Einer der Gründe war für mich: Mir ist wichtig, dass die Business Angel-Szene einen Aufwind erlebt.

Amerika gilt als das Start-up-Land, viele kritisieren noch immer die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich. Was muss sich hier ändern, damit das Land gründerfreundlicher wird?
Die Frage bekomme ich schon jahrelang gestellt. Es muss sich in Österreich viel ändern, und ich habe Bedenken, dass Österreich da immer zu langsam sein wird und wir überhaupt einmal aufschließen können zu Start-up-Domänen wie Silicon Valley, London oder Stockholm.

Da bewegt sich Österreich viel zu wenig. Nicht nur die politische und rechtliche Situation, sondern auch die gesamte Einstellung, wie vorhin erwähnt. Man ist viel weniger risikobereit auf beiden Seiten. Die Gründer sind weniger risikobereit, aber auch der Investor. Österreich ist ein klassisches Bausparerland. Wir haben auch viele rechtliche Dinge, die vereinfacht gehören, aber das predigen wir Investoren schon seit Jahren. Ich glaube, es muss sich auch die Gesellschaft ändern, aber das geht nicht von heute auf morgen.

Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie, in welche Unternehmen Sie investieren?
Es gibt eine Handvoll fachliche Kriterien: die Idee zum Beispiel muss zündend, das Produkt innovativ und der Markt unendlich sein. Ansonsten geht es um das emotionale Gefühl, ob ich es dem Gründer zutraue. Das geht es ums Bauchgefühl.
 
Wie eng ist der Kontakt zu „Ihren“ Unternehmen?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe jetzt 25 Beteiligungen. Bei einem Drittel bin ich sehr aktiv, was bis zu fast täglichen Telefonaten geht. Aktiv heißt: Ich bin Lead-Investor und meist auch im Beirat oder Aufsichtsrat vertreten und habe da auch eine vorsitzende Rolle. Bei einem Drittel meiner Investments bin ich praktisch nicht aktiv. Da habe ich mein Geld hergegeben und andere übernehmen die Lead-Rolle.

Wie darf man sich das System vorstellen? Sie investieren – und was haben Sie davon?
Ich erkläre es Ihnen anhand von 2 Minuten, 2 Millionen, weil das plakativ ist: Da fällt die Entscheidung sehr rasch. Man weiß vom Unternehmen, abgesehen von einem Briefing, nichts. In der Regel bekommt man Firmenanteile für das Geld, selten sind Darlehen möglich. Man stimmt dann gemeinsam den Fahrplan ab, vor allem den Businessplan.

Welche sind Bereiche, in denen Start-ups die meisten Chancen haben? Ist es Technik, Medizin?
Das waren schon zwei wichtige Stichwörter. Auch physische Produkte haben eine Chance, die stehen aber meistens nicht im Rampenlicht. Im Rampenlicht stehen meistens Apps oder Internet-Geschäftsmodelle, die sehr schnell skalieren können. Die zwei großen Themen sind Medizin und Lifescience, außerdem ICT (Internet and communication technologies, Anm.). Und ich mache auch Impact Investment, also nachhaltige Investments.

Wie groß ist die Angels-Szene in Österreich?
Business Angels gibt es ein paar Tausend. Die Frage ist, was ist ein Angel und was ist aktiv. Wir sind bei der Austrian Angel Invest Association knapp 100 Members. Von 2.000 Angels ist ein Zehntel ungefähr wirklich aktiv und visibel.

Was sind klassische Fehler, die junge Unternehmen machen?
Scheitern kann man leider sehr oft. Einer der Hauptgründe, warum es schiefgeht, ist die falsche Geschwindigkeit. Manche Unternehmen sind zu langsam, die produzieren zu viel intern und gehen zu langsam auf den Markt. Dann gibt es andere, die zu schnell expandieren. Ein Problem, wo es auch oft scheitert: Streitigkeiten im Team. Worauf man auch aufpassen muss: Wenn es mehrere Founder sind, sollte man sich genau überlegen, was passiert, wenn einer aussteigt.

Gibt es ein Unternehmen, mit dem Sie mit einem Investment gescheitert sind?
Zum Glück noch keine Insolvenz. Es gibt zwei, drei Unternehmen, die leider nicht so gut unterwegs sind, aber der Großteil meines Portfolios ist gut bis außerordentlich gut unterwegs. Aber wir sind noch nicht mit allen über dem Berg.

Was passiert, wenn die über den Berg sind?
In der Regel kauft ein Founder die Anteile nicht zurück. Man plant einen gemeinsamen Verkauf – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Für mich, und auch für die meisten Angels, ist klare Investmentstrategie, in ein Start-up zu investieren mit dem Plan, einen raschen Exit hinzulegen. Zehn, zwanzig Jahre in einem Unternehmen zu bleiben und eine Dividende zu bekommen, darauf bin ich nicht aus. Ich möchte in ein schnellwachsendes Start-up hinein, schnell nach oben skalieren und bald wieder hinaus. Nach fünf bis sieben Jahre ist das realistisch.

Was hat Sie dazu bewogen, selbst Business Angel zu werden?
Der Spaß an der Freude. Ich habe nach meinem Verkauf überlegt, was ich mit meinem Leben anfange. Ich habe Immobilien gekauft, aber nach der dritten Wohnung war mir das zu fad. Ich habe dann ein bisschen am Aktienmarkt probiert, da bin ich auf die Schnauze gefallen. 2011 habe ich durch Zufall bei einem Unternehmen mitfinanziert. Es macht mir Spaß, immer wieder von vorne zu starten mit jungen Unternehmen. Ein Angel hilft mit Netzwerk und Know how und erst an dritter Stelle mit Geld.


Zur Person

Der Allhartsberger Michael Altrichter hat die Unternehmen paysafecard (ein elektronisches Zahlungsmittel, das heute in 43 Ländern angeboten wird) und payolution gegründet. Nach deren Verkauf betätigte sich Altrichter ab 2011 als Business Angel. Business Angels beteiligen sich finanziell an Unternehmen und helfen den jeweiligen Unternehmern gleichzeitig mit Wissen und Kontakten.

Michael Altrichter ist unter anderem aus der Puls 4-Show „2 Minuten 2 Millionen“ bekannt. Außerdem war er Business Angel of the year 2014.