Erstellt am 17. August 2016, 06:36

von Christine Haiderer

Rezeptideen für Apotheken. Jede dritte Apotheke schreibt rote Zahlen. Apothekerverbandspräsident Christian Müller-Uri zufolge könnten Leistungen wie das Medikationsmanagement gegensteuern.

„Ein Drittel der Apotheken ist in der Verlustzone“, sagt Christian Müller-Uri, Konzessionär der Landschaftsapotheke in Schwechat und Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes, der freiwilligen Interessenvertretung der selbstständigen Apotheker.   |  NOEN, Christine Haiderer

NÖN: Früher bedeutete eine Apotheke ein gutes und sicheres Einkommen. Die Situation aber hat sich geändert, oder?

Christian Müller-Uri: Ein Drittel der Apotheken ist in der Verlustzone. Sie können nicht mehr das Geld erwirtschaften, um leitende Angestellte zu zahlen.

Woran liegt das?

70 Prozent des Umsatzes in Apotheken werden durch rezeptpflichtige Medikamente erzielt, die auf Kassenkosten verschrieben werden. Zwar ist dieser Umsatz gestiegen: von 2014 auf 2015 um 5,6 Prozent. Unter anderem, weil es immer mehr innovative Medikamente gibt. Die Erträge aber sinken.

Das größte Problem ist, dass die Spannen immer kleiner werden. Während sich die Gesamtspanne in anderen Branchen, wie etwa dem Drogeriehandel, in den vergangenen zehn Jahren von 37,5 Prozent auf 40,9 Prozent erhöht hat, ist sie bei den Apotheken von 29,6 Prozent auf 28,2 Prozent gesunken. Andere Branchen können ihre Spannen selbst anpassen. Wir können das nicht. Die Arzneimittelpreise werden vom Staat festgelegt. Die Inflation steigt, Gehälter steigen, Strom und Miete steigen. Der Vergütungsanteil rezeptpflichtiger Medikamente aber sinkt. Innerhalb von zehn Jahren von 20,47 Prozent auf 15,67 Prozent. Dazu kommt, dass für hochpreisige Medikamente die Spanne geringer ist. Und auch Rabatte und Sondernachlässe haben Auswirkungen.

Wie kann man die Situation entschärfen?

Wir finanzieren den Nachtdienst selbst. Das kostet österreichweit 33 Millionen Euro jährlich, neun Millionen Euro alleine in Niederösterreich, wo 77 Apotheken jede Nacht Nachtdienst versehen. Ein Bruchteil der Kosten wird von den Kunden durch den Nachtzuschlag und in bestimmten Fällen durch Krankenkassen abgedeckt. Ein Zuschuss von 15 Millionen Euro könnte die schwierige betriebswirtschaftliche Situation entschärfen und die Nachtdienste absichern. Wie in Deutschland, wo die öffentliche Hand 50 Prozent zahlt.

Was wären weitere Maßnahmen?

Präventivmaßnahmen und Medikationsmanagement könnten laufende, von der Sozialversicherung bezahlte Leistungen werden. Präventivmaßnahmen, wie es sie beispielsweise bei Aktionen wie „10 Minuten für meine Lunge“ zu COPD und Asthma gibt, tragen dazu bei, dass Menschen, die nichts von ihrer Krankheit wissen, früh zum Arzt gehen. Dementsprechend weniger kostet die Therapie. „10 Minuten für meine Lunge“ wurde von der NÖ Gebietskrankenkasse und dem Land NÖ unterstützt. Niederösterreich ist hier ein Vorreiter. In Zukunft würden wir solche Maßnahmen gerne im Regelbetrieb anbieten.

Und Medikationsmanagement. Worum handelt es sich dabei?

Die übliche Beratung in der Apotheke betrifft das Medikament, das sich der Kunde gerade abholt. Beim Medikationsmanagement hingegen geht es um alle rezeptpflichtigen und rezeptfreien Medikamente, die der Kunde einnimmt – unter anderem, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Ein ähnliches Ziel hat zwar auch die geplante e-Medikation im Zuge von ELGA. Beim Medikationsmanagement aber kann der Kunde alle seine Medikamente mitbringen und dem Apotheker berichten, wogegen er sie nimmt und wie er sie nimmt. Solche Informationen werden bei einer digitalen Liste nicht abgebildet, können aber Auswirkungen haben.

Was würde passieren, wenn nicht gegengesteuert wird?

Es wird Betriebe geben, die zusperren müssen.

Der Europäische Gerichtshof hat eine neue Entscheidung zur Bedarfserhebung getroffen. Was ist für die Apotheken wichtig?

Wir sind Nahversorger und kümmern uns um die Arzneimittelversorgung der Menschen. Wir brauchen daher Rechtssicherheit, um eine Apotheke betreiben zu können. Damit ein Apotheker, wenn er eine neue Apotheke aufsperren will, weiß, woran er ist. Bisher konnte eine Apotheke nur eröffnen, wenn den Nachbarapotheken 5.500 zu versorgende Personen bleiben. Der Europäische Gerichtshof hält diese Regelung für zu starr. Daher wurde das Apothekengesetz dahingehend abgeändert, dass die 5.500-Grenze unterschritten werden darf: in ländlichen und abgelegenen Gebieten bei besonderen örtlichen Verhältnissen. Im Juli hat der EuGH präzisiert, dass die Einschränkung auf ländliche und abgelegene Gebiete nicht reicht. Zurzeit wird über mögliche gesetzliche Änderungen nachgedacht und ein Kriterienkatalog erarbeitet, an dem sich die Behörden, die über die Neuerrichtung einer Apotheke entscheiden, orientieren können.

Zum Thema

In Österreich gibt es 1.370 Apotheken, in Niederösterreich 232. Der Gesamtumsatz aller Apotheken machte 2015 3,86 Milliarden Euro aus (Krankenkassenumsatz: 2,62 Milliarden Euro; Privatumsatz: 1,24 Milliarden Euro).