Erstellt am 01. Mai 2016, 05:04

von Heinz Bidner

Harry Gatterer: „Wir erleben einen Innovations-Terror“. Trendforscher Harry Gatterer (42), Chef des Zukunftsinstituts in Wien, stellt Innovationen in Frage und fordert eine Wirtschaft, die sich an älteren Arbeitnehmern orientiert.

Harry Gatterer, Trendforscher und Geschäftsführer des Zukunftsinstituts  |  NOEN, Franz Gleiß

NÖN: Wir verbuchen derzeit eine Rekordarbeitslosigkeit, wo fast jeder Zehnte ohne Job ist. Umgekehrt gibt es immer mehr Teilzeitbeschäftigte. Die Wirtschaft will seit Jahren nicht so recht in Schwung kommen und die Zinsen liegen am Boden. Sind das die Vorboten einer neuen Arbeits- und Wirtschaftswelt?
Harry Gatterer: Beginnen wir bei der Wirtschaft an sich. Was wir feststellen können: Die Wirtschaft, an die wir uns doch über einige Jahrzehnte gewöhnt haben, ist nicht mehr die Wirtschaft, die wir in Zukunft erleben werden. Nämlich, dass es Wachstum gibt und dass wir immer Möglichkeiten des Wachstums haben. In der letzten Dekade war das vor allem durch den Export der Fall. Und die Arbeitslosigkeit war in Österreich im Europavergleich immer niedrig. Das Problem ist, dass sich die Rahmenbedingungen fundamental geändert haben.

Inwiefern?
Über den Export ist nicht mehr alles möglich. Weil Länder, in die wir exportiert haben, beispielsweise selbst einen Wohlstand erreicht haben, in dem sie nicht mehr zukaufen müssen, sondern teilweise im Inland produzieren können. Auch China. Früher hat man etwa Autos in China verkauft, aber jetzt sieht man: Sie bauen selbst Autos, sie suchen neue Konzepte und sie entwickeln neue Konzepte. Somit bröselt dieser Export weg. In Österreich selbst haben wir schon seit längerem kein echtes Wachstum produzieren können. Damit haben wir neue Grundbedingungen. Dazu gehört auch, dass wir eine völlig andere Situation haben, was den demokratischen Wandel anbelangt.

Die Pensionisten nehmen zu?
Ja. Wir stehen jetzt gerade an einer Schwelle, die wirklich gigantisch ist. Es kommt die Welle der Babyboomer in das Pensionsalter. Das wird eine Wachstumsbremse sein, eine ganz große. Auch wenn wir neue Bedürfnisse dadurch erzeugen, wird das dadurch sicher nicht kompensiert. Wir haben eine andere Welt, die nicht mehr ausschließlich auf Wachstum basiert. Wir haben eine Welt in einer Postwachstumsphase.

Es gab immer ein Wellental in der Konjunktur und damit bei den Arbeitslosenzahlen. Einige Jahre lief es besser, einige Jahre schlechter. Wird es das noch geben?
Die Frage ist, ob die Frage überhaupt relevant ist. Die Arbeitslosenzahl misst Menschen, die außerhalb von Jobs stehen. Wenn Sie das nur darauf beziehen, bin ich überzeugt, dass wir nicht eine Rekordarbeitslosigkeit erleben, sondern dass wir uns an höhere Zahlen gewöhnen müssen. Es sei denn, neue Felder von Arbeit tun sich auf, die wir heute noch nicht deklarieren. Ich bin überzeugt, dass der ganze Bereich der Gemeinnützigkeit noch daraufgesetzt wird. Heute wird so viel gemeinnützig getan, das wird in der Gesellschaft aber nicht als Arbeit gesehen. Wenn es gelingt, gemeinnützige Betätigungsfelder in die Statistik hinein zu bekommen, dann würden die Zahlen runter gehen. Wenn es bei der jetzigen Statistik bleibt, werden die Zahlen hoch bleiben.

Man muss aber auch davon leben auch können.
Das ist so. Aber wie gesagt: Es ist die Frage der Definition. Auch Menschen, die ein Social Business gründen, müssen selbst davon leben, aber sie sind in ihrem Unternehmenszweck in ihrer ganzen Tätigkeit völlig anders aufgestellt. Wir haben bei den Arbeitslosen vor allem Langzeitarbeitslose als eines der großen Problemfelder. Das wieder vor allem, weil ältere Menschen keinen Job mehr kriegen.

Was sollen wir in einer alternden Gesellschaft tun?
Ich glaube, dass es hier ein Umdenken braucht. Wir arbeiten sehr intensiv an einer Studie, die uns vor Augen führt, wie wichtig es ist, dass wir das Potenzial alter Menschen in die Gesellschaft reinholen. Im Moment tun wir das Gegenteil. Wir schauen, dass sie schöne Altersheime haben. Wir schauen, dass wir das mit den Pensionen irgendwie hinbringen. Wir versuchen im Moment, ältere Menschen in der Mitte der zweiten Lebenshälfte gut zu parken. Was eine total verschenkte Ressource ist.

Wie definieren Sie diese Altersgrenze?
Im Moment haben wir in der Lebenserwartung den statistischen Wert von knapp 80 Jahren. Ab 40 ist man demnach in der zweiten Lebenshälfte. Wenn man sich hier in der Mitte befindet, steigt man normalerweise aus dem Berufsleben aus. Man hat dann – statistisch gesehen – noch 20 Jahre, aber sehr wahrscheinlich sogar deutlich mehr. Heute ist es so, dass jedes zweite Baby, das auf die Welt kommt, etwa 100 Jahre wird.

Man sollte ältere Menschen also mehr respektieren.
Menschen, die deutlich in der zweiten Lebenshälfte sind, haben eine ganz andere Lebenserfahrung, die wir durch Jugend nicht ersetzen können. Um in unserer komplexen Gesellschaft Probleme zu lösen, könnte man diese Lebensweisheit mit reinnehmen. Das tun wir im Moment nicht. Wir geben sie eher aus dem Lebensalltag raus.

Weil ältere Arbeitnehmer teurer als junge sind?
Ich glaube nicht, weil sie teuer sind, sondern weil man ihnen nicht mehr so viel zutraut. Wir haben im 20. Jahrhundert eher eine Ökonomie der ersten Lebenshälfte aufgebaut. Diese Ökonomie baut auf Kraft, viel Engagement und Leistung auf. Das klassische Leistungsprinzip steht auch für Verdrängung, für Wettbewerb. Das ist die klassische Ökonomie der jungen Menschen.

Wie würde das umgekehrt aussehen?
Wenn Sie auf die Ökonomie der alten Menschen bauen würden, würden Sie eine ganz andere Ökonomie aufbauen. Sie würden eine Ökonomie bauen, die auf Erfahrung baut und nicht auf schnellen Entscheidungen. Sie würden eine Ökonomie bauen, die grundsätzlich nicht auf Geschwindigkeit und Verdrängung aus ist, sondern auf Synergien und Langlebigkeit. Wenn wir den Blick weiter in die Zukunft werfen und nicht nur von der Gegenwart sprechen, müssen wir letztlich eine Ökonomie der zweiten Lebenshälfte aufbauen. Es wird uns gar nichts anderes über bleiben – und zwar global.

Wie könnte man eine Trendwende zur Ökonomie der zweiten Lebenshälfte überhaupt schaffen?
Das ist genau das Problem. Das bedingt einen Umdenkprozess in der Wirtschaft. Das wird sich ausschließlich über die Fakten umprogrammieren. Sie werden bei den jungen Mitarbeitern die Leute nicht mehr kriegen, die Sie brauchen. Sie müssen sich dann wieder der Alten bedienen und es wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren passieren, dass sie den Nachwuchs gar nicht mehr kriegen, den sie sich wünschen und brauchen. Erst dann werden die Manager umdenken. Deren ganzes Erfolgskorsett, dem sie sich unterwerfen müssen, basiert ja derzeit auf der Ökonomie der ersten Lebenshälfte: Wo sind die Zahlen, wo sind zweistellige Profitzuwachszahlen und wie werden wir schneller und wie werden wir noch aktiver. Wir erleben einen regelrechten Innovations-Terror. Das finde ich furchtbar. Weil wir dem Diktat der Innovation unterliegen, ohne darüber nachzudenken, ob wir diese Innovation noch brauchen.

Wirtschaftsexperten predigen doch immer wieder Innovationen, um im internationalen Wettbewerb nicht unterzugehen.
Da bin ich konträrer Meinung. Ich glaube nicht, dass wir keine Innovation brauchen. Ich glaube aber, dass wir uns in diesem gebetsmühlenartigen Ruf nach Innovation die Kehrseite der Innovation ansehen müssen. Jetzt ist alles im Innovationsstress und wir erzeugen wahnsinnig viel Blödsinn. Wo wir uns im Moment schwertun – als Ökonomie, aber auch als Gesellschaft – ist eine Orientierung, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das erzeuge ich nicht durch Innovation per se. Das erzeuge ich dadurch, dass ich Überblick habe, dass ich Zusammenhänge verstehe, dass ich weiß, was eine echte Lösung ist, was ein echter Fortschritt ist. Dass ich unterscheiden kann, welche Innovation ist wirklich relevant und führt uns weiter.