Erstellt am 05. Januar 2016, 05:38

von Anita Kiefer

„Das Scheitern von Anfang an einplanen“. PR-Beraterin Christine Steindorfer über die Kultur des Scheiterns in Österreich, Risikobereitschaft und Veränderungen.

Christine Steindorfer ist Expertin auf dem Gebiet des Scheiterns und hält regelmäßig Vorträge zu diesem Thema.  |  NOEN, zVg/Joseph Krpelan

NÖN: Sie sind Expertin, was das Thema Scheitern angeht, haben bereits zwei Bücher dazu auf den Markt gebracht. Woran sind Sie selbst schon gescheitert? 

Christine Steindorfer: Beim ersten Buch haben wir uns der Sache ja noch sehr angenähert, das ist 2008 erschienen. Da war das Sprechen über Scheitern im Wirtschaftsbereich noch ein Riesen-Tabu. Man macht’s jetzt noch nicht gern, aber es bricht auf. Ich selbst beobachte mittlerweile genau, wie ich an Sachen herangehe.

Es gab aber kein Unternehmen, mit dem Sie gescheitert sind?

Steindorfer: Nein, Gott sei Dank nicht! Aber dadurch, dass ich mich so damit beschäftige, hab’ ich die Angst davor verloren.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich auf dieses Thema spezialisiert haben?

Steindorfer: Das Thema ist eigentlich zu mir gekommen. 2006 hab’ ich über einen Bekannten Gerhard Scheucher kennengelernt, der mich für das Thema begeistert hat, und dann haben wir das Buch geschrieben. Es ist mir immer ein Anliegen gewesen, aus diesem starren Gut-schlecht-Denken rauszukommen. Denn es gibt eine Million Grauzonen dazwischen.

Kommt die Kultur des Scheiterns schon in Österreich an?

Steindorfer: Es verändert sich. Die ein, zwei Generationen über mir, die am Ende des Erwerbslebens stehen, die tun sich noch extrem schwer mit dem Thema. Die Jüngeren, die sind mit einem ganz anderen wirtschaftlichen System konfrontiert. Die müssen damit umgehen lernen, dass sie nicht in einer Firma einsteigen und dort dann bis zur Pensionierung bleiben. Auch bei Gründungsprogrammen von Universitäten kommen Themen wie Scheitern und Selbstmanagement stärker vor.

Die Parade-Staaten für Scheitern sind die USA. Gibt’s diese Kultur in anderen Ländern auch?

Steindorfer: Das hängt stark kulturgeschichtlich mit dem Protestantismus zusammen. In protestantisch geprägten Ländern wird mehr Eigenverantwortung übernommen. In römisch-katholisch geprägten Kulturen ist es oft so, dass man nach außen attribuiert, da gibt man Verantwortung gern ab, der Staat trägt mehr Verantwortung.

Wäre das Modell aus den USA auf uns umzumünzen, oder werden die Österreicher immer die bleiben, die es gern sicher haben?

Steindorfer: Ich glaube, dass wir eine lange Sicherheitstradition haben. Es gibt unterschiedliche Kulturen, das speist sich aus dem, was die letzten Jahrhunderte war. Ich glaube nicht, dass man das amerikanische Wirtschaftsmodell 1:1 auf Österreich umlegen kann, das würde mir auch Angst machen. Ich bin der Meinung, dass es eine Solidargemeinschaft braucht. Aber ich denke mir beim Zwischenmenschlichen, beim Umgang Miteinander, da können wir uns was abschauen. Auf erfolgreiche Menschen nicht neidisch sein, sondern sich mit ihnen freuen – damit wäre uns schon geholfen.

Also könnte man bei Dingen wie der Tatsache, dass ein einmal Gescheiterter schwer wieder eine Kreditkarte bekommt, ansetzen?

Steindorfer: Auf jeden Fall. Das macht es für Unternehmen schwer, ins Risiko zu gehen. Die Wirtschaft braucht Risikobereitschaft. Es gibt zwar Menschen, die haben das Wort Selbstreflexion noch nie gehört. Ich glaube aber, dass der Mensch per se selbstreflektiert ist und die Meisten den gleichen Fehler nicht noch einmal machen würden.

Gibt es ein Geheimnis, den einen Punkt, an dem es nicht mehr geht, rechtzeitig zu erkennen?

Steindorfer: Schauen, was eigene und fremde Erwartungen sind, und sich auf die eigenen konzentrieren. Und: das Scheitern von Anfang an Einplanen. Wenn man sich vor Augen geführt hat, was nicht funktionieren kann, dann hat man ein wachsames Auge darauf.

Zur Person

Christine Steindorfer ist in Michelstetten (Bezirk Mistelbach) und Wien aufgewachsen. Sie hat die Bücher „Die Kraft des Scheiterns“ (2008) und „Die Aufwärtsspirale“ (2011) herausgegeben und hält Vorträge zum Thema Scheitern. Hauptberuflich betreibt sie eine PR-Agentur.