Erstellt am 17. Mai 2017, 15:48

von Anita Kiefer

"Die Gemeinden müssen Geld in die Hand nehmen“. Elisabeth Springler, Ökonomin und Studiengangsleiterin an der FH des BFI Wien, über regionale Wertschöpfung, Bildungspolitik und den Wirtschaftsstandort Österreich.

„Es dauert mindestens zwei Jahre, bis auch ein Start-up Arbeitsplätze schafft und Wertschöpfung erfolgt“, erklärt Elisabeth Springler zum Thema Schaffung von Arbeitsplätzen in Randregionen.  |  Anita Kiefer

NÖN: Am Arbeitsmarkt scheint sich eine Erholung abzuzeichnen, anhand der Märzzahlen ist zu sehen, dass diese auch in Niederösterreich angekommen zu sein scheint. Wie nachhaltig ist diese Erholung, und wie dringend braucht unser Finanzmarkt sie?
Elisabeth Springler: Hier ist immer die Frage zu berücksichtigen, welche speziellen Kenntnisse wir haben. Da hat nicht nur Niederösterreich, sondern ganz Österreich eine ähnliche Struktur. Wir müssen hier weiter darauf achten, welche Spezialgebiete wir forcieren können. Auch im Bereich der Bildungspolitik, weil es offensichtlich ist, dass wir nicht mit Niedriglohnländern konkurrieren können. Und daher ist die Erholung am Arbeitsmarkt auch mit den sich wieder abzeichnenden Investitionstätigkeiten der Unternehmen und der besseren Sichtweise auf die ökonomische Entwicklung zu begründen.

Wir kommen aus dieser Talsohle der Finanz- und Wirtschaftskrise schön langsam heraus. Aber natürlich sind das immer nur makroökonomische Daten. Denn der Teilbereich des Arbeitsmarktes, der auf weniger Qualifizierte abzielt, steht weiterhin unter sehr großem Druck. Da kann man nur versuchen, diesen Teil der Bevölkerung einerseits in andere Ausbildungsschienen zu bringen oder aber auch die Arbeitsplätze wieder in Regionen zu fördern, die eigentlich Abwanderungsgemeinden sind. Hier sind die Randzonen Niederösterreichs gefordert.

Welche zentralen Maßnahmen gilt es hier umzusetzen?
Springler: Ich glaube, man muss in den Gemeinden Geld in die Hand nehmen. Es gibt nicht auf gleich in diesen Randregionen neue Arbeitsplätze, auch nicht für Höherqualifizierte. Die Gemeinden stehen aber zurzeit sehr stark unter Druck. Die sind im Bereich des österreichischen Stabilitätspakts nämlich gleichzeitig angewiesen, Überschüsse zu generieren, um diese auch über den innerösterreichischen Ausgleich als Beitrag für die Fiskalstabilität zu liefern. Im Grunde muss man ein bisschen abwägen, auf welche Weise man diesen supranationalen Prinzipien tatsächlich Genüge leistet. Wenn man sich NÖ anschaut, so hat – da gibt es ganz spezifische Analysen dazu – jeder der fünf Kernbereiche besondere Vor- und Nachteile.

Da geht es in erster Linie um Betriebsansiedelungen?
Springler: Ja, aber auch etwa um Förderungen von Start-ups. Das fruchtet aber natürlich nicht sofort. Es dauert sicher mindestens zwei Jahre, bis ein Start-up, wenn daraus ein längerfristiges Unternehmen wird, Arbeitsplätze schafft und auch die Wertschöpfung erfolgt. Da muss man zunächst einmal eine relativ lange Phase von Investitionen haben, bevor sich Steuereinnahmen erhöhen oder sich der Zuzug in einer Randregion erhöht. Das ist natürlich ein Nachteil für die Gemeindefinanzen. Aber andererseits sind diese makroökonomischen Tendenzen, die man immer in der Tagespolitik hört, gar nicht implementierbar.

Ökonomin Elisabeth Springler sieht ein Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich auch aufgrund der aktuellen Niedrigzinspolitik.  |  Erich Marschik

Das ist eine konkrete Maßnahme. Gibt es noch etwas?
Springler: Es ist klar, dass die Ausbildung zielgerichteter auf die spezifischen Branchen ausgelegt werden muss. Es sollte schon in der schulischen Ausbildung darauf geachtet werden, welche Fertigkeiten man erlernt. Das Bildungssystem ist noch immer auf einem Level von vor 30 Jahren – das passt nicht zu den heutigen Schülern. Ein Beispiel: Notebooks in den Schulen. Ja, klar, die brauchen wir. Aber eigentlich sollten wir darüber gar nicht mehr sprechen müssen. Sondern über die Fertigkeiten, die damit erlangt werden: Arbeiten die Schüler mit dem Notebook oder klicken sie nur auf ein Däumchen hoch?

Sollten die Unternehmen stärker mit Schulen zusammenarbeiten?
Springler: Ja. Es werden sich keine großen Forschungsprojekte ergeben, das ist klar. Wir haben ja eine sehr gezielte und gute Lehrlingsausbildung. Aber die Frage ist, wie passt das zu den neuen Technologien und Anforderungen? Wie viele gute Schülerinnen und Schüler wollen einen traditionellen Lehrberuf wie Tischler tatsächlich lernen, wenn sie zu Hause vor dem Smartphone sitzen und sich eigentlich gar nicht vorstellen können, wie die Materialien jetzt in der Neuzeit verbunden werden können. Das ist etwas, was man in den Daten der Makroökonomie sehr oft auch nicht sieht.

Stichwort Regionalentwicklung. Wo sehen Sie da die größten Potenziale für Niederösterreich?
Springler: In Niederösterreich gibt es einen großen Unterschied in der strukturellen Ausrichtung zwischen den Regionen. Klar ist, dass Wein- und Waldviertel eher in den Bereich nachhaltiger Tourismus, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Weinbaubetriebe usw. gehen. Man hat in den letzten Jahren sehr gut gesehen, dass diese Bereiche auch gute Wachstumsraten haben. Das andere ist die Zentrumsregion, die vor ganz anderen Herausforderungen steht. Die Kernregionen sind die, die sich mit steigender Luftverschmutzung, Pendeln und Zuzug auseinandersetzen müssen. Eigentlich ist Niederösterreich eine sehr disperse Region.

„Im asiatischen Raum würde niemand annehmen, dass Österreich als Wirtschaftsstandort hervorragend ist.“ 
Elisabeth Springler

Das heißt: Die Abwanderung im Wald- und Weinviertel lässt sich nicht aufhalten, nur abfangen.
Springler: Vollkommen verhindern werden wir sie nicht können. Es macht kaum Sinn, mit z. B. einer kurzfristigen regionalen Förderung ein neues Unternehmen anzusiedeln, das keinen Bezug zur Region hat, denn es wird nach Auslaufen dieser wieder absiedeln. Nur die Förderungen, die es schaffen, die Stärken der jeweiligen Region hervorzuheben, machen Sinn. Was Niederösterreich nach wie vor auch auszeichnet, ist das Heer an Freiwilligenleistungen, das emotionale Anbindung zur Region schafft.

Ein Dauerthema, das uns seit langer Zeit begleitet, ist die Niedrigzinspolitik der EU. Wie lang wird es da noch weitergehen?
Springler: Obwohl die Inflation jetzt wieder gestiegen ist, wird das wohl noch eine Weile weitergehen. Weil man die aufkeimende Investitionstätigkeit nicht abwürgen möchte. Sondern man freut sich, dass stärker Investitionen getätigt werden, und dem will man nicht geldpolitisch entgegenwirken.

Sie haben in der Vergangenheit einmal gesagt, die Niedrigzinspolitik der EU führt zu wachsender Ungleichheit. Warum?
Springler: Das eine ist: Wer bekommt das billige Geld? Wer ist derjenige, der es sich leisten kann, in ökonomisch schwierigeren Zeiten zu investieren? Das sind halt traditionell die Unternehmen oder Haushalte, die höhere Anfangsausstattung – also Kapital – zu Beginn der Krise hatten, auf die sie weiter aufbauen können. Damit fördert die Niedrigzinspolitik nicht, dass unterschiedliche Einkommensschichten zusammenwachsen, sondern dass diese weiter auseinanderklaffen. Und das Zweite ist: Auf der Sparseite sinken ja auch die Sparzinsen. Diejenigen, die auf risikoarme Sparbücher ihr Erspartes gelegt haben, bekommen nichts.

Was brauchen Unternehmen in Österreich, welche Rahmen müssten geschaffen werden, damit sie europäisch und global überhaupt bestehen können?
Springler: Ich war vor zwei Jahren in China und in Japan. Und ich habe mich gewundert, dass man dort die österreichischen Produkte überhaupt nicht kennt. Man hat nur gesagt, super, Swarovski gefällt uns, aber das hat was mit Österreich zu tun? Dieser Konnex fehlt. Österreichische Unternehmen sind im Ausland durch Advantage Austria und die Außenhandelsstellen gut vertreten, aber es gibt keine unmittelbare nationale Vermarktung.

Das kann den Effekt haben, dass diese Staaten weniger in Österreich investieren, weil sie Österreich als Wirtschaftsstandort weniger kennen. So wie es eben im asiatischen Raum ist, kennt man Österreich von Kultur, von Musik und Tourismus, es würde aber niemand annehmen, dass Österreich als Wirtschaftsstandort hervorragend ist. Da sagen diese Staaten dann, wir gehen in das europäische Umland, dort, wo man weniger Steuern zahlt. Die exzellente Ausbildung, sozialer Frieden, gute Innovationen, wirtschaftliche Förderungen, gute Anbindung ... All diese Elemente, die wir auch als Standort mitbringen, die gehen dabei oft verloren.

Aber Sie sind grundsätzlich der Meinung, Österreich ist ein guter Wirtschaftsstandort?
Springler: Österreich ist ein guter Wirtschaftsstandort, ja. Es ist die gute Kombination aus Innovation, Ausbildung, guten Rahmenbedingungen und sozialer Absicherung. Denn das, was für viele Unternehmen wichtig ist, ist: Kann ich mich mittel- und langfristig auf Qualität und Produktion verlassen? Das ist das Potenzial, das Österreich hat. Das muss man sichtbar machen.