Erstellt am 03. November 2015, 07:09

von Heinz Bidner

"Setze mir keine unerreichbaren Ziele". Der scheidende Präsident der Industriellenvereinigung NÖ, Johann Marihart, über seine Arbeit, Vorteile gegenüber der Wirtschaftskammer und die Wahl seines Nachfolgers.

Johann Marihart  |  NOEN, Unkart

NÖN: Sie stehen am Ende Ihrer zweiten Periode als Präsident der Industriellenvereinigung. Bei der Wahl am 26. November dürfen Sie daher nicht mehr kandidieren. Sind Sie traurig?

Marihart: Nein, bin ich nicht. Ich bin froh über solche Regelungen, die ein automatisches Ende nach zwei Perioden bedeuten. Sonst läuft man oft Gefahr, dass man diese Funktionen aus Höflichkeit oder auch aus Bequemlichkeit nicht loswird.

Sie verdienen als Präsident dieser freiwilligen Interessenvereinigung nichts, exponieren sich für Sachen, die die ganze Industrie betreffen, und erreichen die gewünschten Ziele nicht immer. Ist das nicht ein undankbarer Job?

Marihart: Natürlich ist es undankbar, weil man plötzlich gewisse Kompromisse herbeiführen muss oder dafür sorgen muss, dass man das notwendige Gewicht bekommt. Es ist auch zeitlich nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Aber ich habe das immer gerne gemacht und es ist auch gut, wenn nach acht Jahren ein Neuer kommt, der wieder mit neuem Elan hineingeht.

Haben Sie einen Wunschkandidaten?

Marihart: Natürlich, aber den sage ich Ihnen nicht. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Leuten, die gut akzeptiert sind und es gibt laut Statuten ein Prozedere: Jedes Vorstandsmitglied wird um seine Vorschläge gefragt und bei der Generalversammlung wird dann hoffentlich mit der notwendigen Mehrheit ein neuer Präsident hervorgehen.

Mit welcher Idee, die Ihnen besonders wichtig ist, sind Sie in den letzten Jahren gescheitert?

Marihart: Ich setze mir keine so unerreichbaren Ziele, dass ich scheitere. Daher gibt es nur Dinge, die mehr oder weniger gut gelungen sind. Das ist auch im Unternehmen so.

Mit welchem Vorschlag wären Sie also gerne durchgekommen?

Marihart: Wenn alles umgesetzt worden wäre, hätte ein Nachfolger nichts mehr zu tun. Entbürokratisierung oder Arbeitszeitflexibilisierung sind etwa Dinge, die sicherlich nicht gelungen und nicht abgearbeitet sind. Das ist ein langwieriger Prozess, an dem man dranbleiben muss.

Was ist Ihnen besonders gut geglückt?

Marihart: Ein Beispiel ist etwa, dass wir erreicht haben, dass Forschungs- und Entwicklungsprojekte von der Forschungsförderungsgesellschaft mit deren Expertise auf ihre inhaltliche Entsprechung geprüft werden und auf der anderen Seite das Land NÖ einen NÖ-Bonus bei der Förderung darauf zahlt.

Was wäre, wenn es die Industriellenvereinigung nicht geben würde?

Marihart: Dann hätte die Industrie eine Vertretung weniger, die sehr gezielt ihre Anliegen vertritt. Die Industriellenvereinigung geht auch weiter – etwa in Richtung Bildungspolitik. Das Thema Migration und andere solche Dinge anzugehen ist für eine nicht sozialpartnerschaftlich gebundene Organisation, wie wir eine sind, mitunter einfacher.

Reicht die Wirtschaftskammer als Interessenvertretung also nicht aus?

Marihart: Wir haben ein sehr intensives, gutes Verhältnis. Wir machen viele Dinge gemeinsam. Die Wirtschaftskammer ist ein ganz wichtiger Partner – auch mit den Außenhandelsstellen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich 50.000 Mitglieder mit vielen Ich-AGs oder ob ich 400 Industriebetriebe vertreten muss. Wir können uns auch unangenehmeren oder unpopuläreren Themen annehmen und mitunter mehr auf die, die unserer Meinung nach zu wenig tun, schimpfen. Je tiefer Sie in der Politik sind, desto schwieriger ist es, Missstände aufzuzeigen. Das geht in einer freiwilligen Organisation wie bei der Indus-triellenvereinigung sehr gut, besser.

Was raten Sie nun Ihrem Nachfolger?

Marihart: Dass er nie auf seinen Vorgänger hört. Ich halte nichts von Ratschlägen, und hoffentlich braucht er keine.


Hintergründe

Die Industriellenvereinigung (IV) NÖ ist eine freiwillige Interessenvertretung, der rund 400 Indus-triebetriebe angehören. Durch deren Mitgliedsbeiträge ergibt sich ein jährliches Budget von rund einer Million Euro. Johann Marihart, Chef des Nahrungsmittelkonzerns Agrana, ist seit acht Jahren Präsident der IV NÖ.