Erstellt am 21. November 2015, 20:43

"Lehre bietet beste Berufschancen". Sonja Zwazl, Präsidentin der Wirtschaftskammer Niederösterreich, über die Stärken der Lehre und über ihre Imageprobleme sowie über die Lehre mit und nach der Matura.

WKNÖ-Präsidentin Zwazl ist der Dialog mit Lehrlingen und Ausbilderbetrieben besonders wichtig.  |  NOEN, Wirtschaftsforum Waldviertel

Frau Präsidentin, ein junger Mensch, so mit 13, 14 Jahren, kommt zu Ihnen und fragt Sie, was er künftig machen soll: eine Lehre oder Matura? Was sagen Sie ihm?
Zwazl: Erstens rate ich ihm, einmal genau – mit dem NÖ Begabungskompass, mit der WIFI-Potenzialanalyse – zu schauen, in welchen Bereichen er seine besonderen Talente hat und welche Berufs- und Ausbildungswege aufgrund dieser Stärken daher besonders gut für ihn geeignet sind. Oft sind jungen Menschen ja ihre eigenen Talente gar nicht so bewusst – weil wir auch in unserem Bildungssystem noch immer viel zu oft darauf schauen, was jemand nicht kann, statt Talente in den Vordergrund zu rücken und Stärken zu stärken.
Und zweitens würde ich ihm sagen, dass eine Lehre und die rund 200 Lehrberufe, die unsere Betriebe in Niederösterreich ausbilden, jedenfalls eine attraktive Option sind.

"Das Sprungbrett in den Chefsessel"

Was macht für Sie die besonderen Stärken der Lehre aus?
Fachkräfte werden von den Betrieben dringend gesucht – weil gut qualifizierte Fachkräfte die Basis für Qualität und Innovationen und damit für die besonderen Stärken der niederösterreichischen Wirtschaft im Wettbewerb sind. Die Lehre bietet also beste Berufschancen und ist besonders zukunftsorientiert. Mit einer abgeschlossenen Lehre hat man – im Gegensatz zu einer Matura – eine fertige Berufsausbildung. Und überdies ist der Lehrabschluss für zahlreiche junge Menschen schon der Startschuss für ein eigenes Unternehmen und damit das Sprungbrett in den Chefsessel gewesen.

Trotzdem hört man immer wieder, dass die Lehre ein Imageproblem hat. Woran liegt das?
Wir haben vor allem bei Eltern und Lehrern ein Problem, weil hier viel zu oft noch einem Bildungsbild nachgehangen wird, das der heutigen Wirtschafts- und Arbeitswelt nicht mehr entspricht. Wir haben, gemeinsam mit der AKNÖ, eine Umfrage gemacht. In der haben fast 80 Prozent der Lehrlinge ihre Zukunftschancen absolut positiv beurteilt. Bei den Eltern haben dagegen nur 33 Prozent der Lehre gute Berufsaussichten zugeschrieben, bei den Lehrern gar nur 27 Prozent. Hier liegt die Wurzel des Problems. Wir müssen die Eltern und Lehrer verstärkt an Bord holen.

Und wie macht man das?
Indem man immer und immer wieder die schon genannten Stärken der Lehre betont. Oder, dass Lehrlinge ein Jahr nach ihrem Lehrabschluss im Schnitt 1.900 Euro verdienen, AHS-Maturanten dagegen nur 1.300 Euro. Es muss in die Köpfe rein, dass ein Lehrabschluss einfach ein perfekter Einstieg ins Berufsleben ist.

Was halten Sie von der „Lehre mit Matura“?
Ich halte von jeder Ausbildung viel, in der eine Lehre steckt – wobei die Lehre allein, also ohne Matura, bereits eine absolute Spitzenausbildung ist, die gar nicht extra ergänzt werden muss. Und wir sollten nicht übersehen, dass es nicht nur eine Lehre mit, sondern auch eine Lehre nach der Matura gibt.

Sie meinen als Alternative etwa zu einem Hochschul-Studium?
Genau. Ich bin überzeugt, dass eine Lehre nach der Matura eine zumindest gleich attraktive Option für viele Maturantinnen und Maturanten ist wie ein Studium. Die Lehrzeit ist für sie um ein Jahr verkürzt, weil sie ja Dinge, die man sonst in der Berufsschule lernt, bereits absolviert haben. Sie können früher in den Beruf einsteigen als mit einem Studium, haben mit der Lehre eine praxisbezogene Berufsausbildung. Und, nicht zu vergessen, es sind Personen mit Lehrabschluss, die von den Unternehmen am häufigsten gesucht werden.

Apropos verkürzte Lehrzeit: Was halten Sie von immer wieder aufkommenden Überlegungen, die Lehrzeit grundsätzlich zu verkürzen?
Gar nichts! Denn eine Lehre ist eine hochqualifizierte Ausbildung – und kein Express-Zug, den man einfach rasch einmal durchfahren lässt.