Erstellt am 21. September 2015, 04:32

von Martin Gebhart

"Müssen Optimisten sein". Generaldirektor Robert Lasshofer über das schwierige wirtschaftliche Umfeld, die Pflegeversicherung und die Position am Markt in NÖ.

 |  NOEN, zVg

NÖN: Das wirtschaftliche Umfeld ist eher schwierig, das Wachstum lässt auf sich warten. Wie spürt das die Versicherungsbranche, wie die Wiener Städtische?
Lasshofer: Grundsätzlich muss man sagen, dass das Umfeld, das in der Wirtschaft zurzeit vorherrscht, keines ist, das die Entwicklung befeuert. Wenn man sich ein bisschen die Geschichte der Wiener Städtischen in den vergangenen 191 Jahren ansieht, dann hat das Unternehmen viel, viel schwierigere Rahmenbedingungen überstanden. Ich möchte davon wegkommen, dass alles schlecht ist.

Aber wie geht man im Geschäftsleben damit um?
Lasshofer: Das künstlich herbeigeführte niedrige Zinsniveau das wir in ganz Europa haben, ist gerade für die Lebensversicherung nicht positiv, weil die Rendite der Neuveranlagung tendenziell zurückgeht und wir auf der anderen Seite Verpflichtungen über garantierte Rechnungszinssätze haben. Das muss man managen. Wir haben beispielsweise als Wiener Städtische entschieden, wir verändern unseren Fokus in der Veranlagung. Deswegen haben wir in den vergangenen Jahren sehr stark im Immobilienbereich investiert und uns insbesondere im Wohnbaubereich engagiert.

Es wurden neue Geschäftsfelder gesucht, um das restliche Geschäft abzusichern?
Lasshofer: Richtig. Die Versicherung, grundsätzlich jede Veranlagungsstrategie, ist aufgebaut auf Risikostreuung. In den letzten Jahren hat man lernen müssen, dass selbst Staatsanleihen nicht mehr der sichere Ort sind, den man in der Vergangenheit gewohnt war. Vor dem Hintergrund muss man sich sehr genau überlegen, wie schaut der Veranlagungsmix aus. Welche Ertragsmöglichkeiten habe ich, aber gleichzeitig auch, welches Risiko bin ich bereit einzugehen. Das auf uns zukommende neue europäische Aufsichtssystem Solvency II versucht, genau diese Dimension abzubilden. Die Wiener Städtische ist darauf sehr gut vorbereitet.

Zur Lebensversicherung: Da habe ich weiter die Garantie, dass ich nicht weniger herausbekomme, als das, was ich einbezahlt habe?
Lasshofer: Das ist eine Frage der Laufzeit. Es muss ja vorweg eine Versicherungssteuer noch bezahlt werden. Das liefern wir an Finanzminister Schelling ab. Weitere Kosten sind auch noch drinnen, das muss man ehrlich sagen. Wenn die Laufzeit sehr kurz ist, geht sich das nicht immer aus. Wir müssen wieder versuchen, mehr die biometrischen Risken in den Vordergrund zu stellen. Die Lebensversicherung ist kein Rendite-Highflyer. Was sie aber kann, ist beispielsweise eine lebenslange Rente ausbezahlen – und das kann kein anderes Instrument.

Das muss ja durch das Pensionskonto befeuert worden sein? Da haben viele durch das Schreiben der Pensionsversicherungsanstalt gesehen, wie wenig Geld sie als Rente erhalten werden.
Lasshofer: Es hat insofern einen Impuls gegeben, weil – ich versuche es neutral zu formulieren – das Pensionskonto für viele erhellend wirkt. Wir haben dazu eine Umfrage gemacht. Jeder Zweite ist der Meinung, dass er in der Pension mit Abstrichen bei seinem Lebensstandard zu kämpfen haben wird. Vor dem Hintergrund ist Bewusstsein geschaffen worden.

Propagiert wird von der Politik auch die Pflegeversicherung wegen des Bedarfs. Dennoch scheint das nicht so richtig anzuspringen?
Lasshofer: Es gibt in Österreich rund 450.000 Pflegebedürftige und es gibt Prognosen, dass die Zahl der Demenzkranken von derzeit 100.000 bis ins Jahr 2050 auf 270.000 steigen wird. Das hat mit der Lebenserwartung zu tun, die nach wie vor noch steigt. Damit ist oft länger andauernde Pflegebedürftigkeit verbunden, die finanziert werden muss. Unsere Pflegeversicherung ist an die staatliche Pflege gekoppelt. Damit kann man das staatliche Pflegegeld vervielfachen. Das ist ein ganz einfaches Produkt. Wie bei allen Vorsorgeprodukten ist es umso besser, je früher man beginnt. Wenn ein 30-Jähriger eine Pflegeversicherung abschließt, kostet es ihn im Monat gerade einmal zwei kleine Braune. Da fehlt es aber noch am Bewusstsein.

Wie wichtig ist für die Wiener Städtische der NÖ Markt?
Lasshofer: Sehr wichtig. Wir sind sehr stolz, dass wir in Niederösterreich die Nummer eins sind, und das schon seit vielen, vielen Jahren. Die Spitzenposition ist sicherlich den Kolleginnen und Kollegen, die wir in Niederösterreich haben, zu verdanken.

Zurück zum wirtschaftlichen Umfeld: Wie zuversichtlich sind Sie, dass wir aus der Situation wieder herauskommen?
Lasshofer: Man glaubt oft, dass Versicherer ein bisschen mieselsüchtig sind. Sind sie aber nicht. Wir müssen Optimisten sein, sonst könnten wir keinen Versicherungsvertrag anbieten. Ich glaube, dass die Entwicklung, die wir jetzt haben, nicht eine Entwicklung ist, die so fortgeschrieben werden wird. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass wir wieder zu normalen Verhältnissen kommen. Zu einem vernünftigen Wirtschaftswachstum. Das ist eine wesentliche Basis, dass wieder mehr Optimismus in die Gesellschaft zurückkommt. Natürlich müssen alle, die das beeinflussen können, ihren Teil dazu beitragen.


Zum Thema

Robert Lasshofer (58) führt seit August 2010 die Wiener Städtische AG als Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor.

Die Wiener Städtische hat im ersten Halbjahr 2015 ein Prämienvolumen von 1,36 Millionen Euro erzielt (+1,2 gegenüber 2014). In NÖ waren es 153,6 Millionen Euro (+4,1 %). In NÖ hat man derzeit 447 Mitarbeiter. Im Außendienst sollen weitere aufgenommen werden. Dazu werden 10 Lehrlinge ausgebildet.