Erstellt am 19. Januar 2016, 06:18

von Martin Gebhart

Johann Marihart: „Wir investieren in NÖ“. Generaldirektor Johann Marihart, Agrana-Vorstandsvorsitzender, über die positive Trendwende im heurigen Geschäftsjahr und die Standorte in Niederösterreich.

Generaldirektor Johann Marihart  |  NOEN, Kainerstorfer

NÖN: Mit der Entwicklung im Geschäftsjahr 2015/16 sind Sie zufrieden, wie nun bekannt gegeben wurde. Und für 2016/17 sind Sie sehr zuversichtlich. Worauf begründet sich diese Zuversicht?

Marihart: Für 2015/16 erwarten wir ein Ergebnis, das leicht über dem Vorjahr liegt, weil wir im letzten Quartal den aktuellen Rückstand zum Vorjahresergebnis nach neun Monaten mehr als aufholen werden. Für das Geschäftsjahr 2016/17, das am 1. März beginnt, sind wir deswegen zuversichtlich, weil wir einerseits im Stärkebereich sehr viele Maßnahmen auf der Produktseite gesetzt haben, auf der Zuckerseite wiederum preislich ebenfalls eine leichte Erholung sehen. Außerdem haben wir unsere Kostensituation mittlerweile doch deutlich verbessert, durch strukturelle Maßnahmen und auch Energieeinsparungen. Beim Fruchtbereich hoffen wir, dass es wieder ein normaleres Jahr ist. Alles in allem gehen wir davon aus, dass wir dann das Jahr 2015/16 auf jeden Fall wieder erreichen können. Natürlich ist immer das Ziel, das auch noch zu toppen.

Wobei es im Vorjahr eine Zeit lang nicht so gut ausgeschaut hat. Nur wegen der Zuckerpreise?

Marihart: Wir waren im Vorjahr nicht optimistisch, weil wir doch auf der Zuckerseite nicht gewusst haben, wie tief es mit den Preisen noch runter geht. Wir haben auch Riesenprobleme in Ungarn und in Rumänien mit Konkurrenten gehabt, die die Mehrwertsteuer hinterzogen haben. Diese Dinge wurden in beiden Ländern abgestellt. Dazu gekommen ist noch die Vorjahresernte. Dann hat sich die Situation geändert, weil seit langem wieder einmal die Nachfrage nach Zucker das Angebot übersteigt. Die Weltmarktproduktion wird ungefähr 4, 5 Millionen Tonnen unter dem Verbrauch liegen.

Wie schaut es aus bei Agrana am niederösterreichischen Heimmarkt aus? Es tauchen immer wieder Gerüchte um Standorte auf?

Marihart: Ich verstehe nicht, woher diese Diskussionen oder Gerüchte kommen. Manchmal, so glaube ich, reden manche Herrschaften etwas herbei, etwa in einer vielleicht zu heftig geführten Rübenpreisdiskussion. Aber das alles ist überhaupt kein Thema. Ganz im Gegenteil. Wir sind sehr froh mit unseren beiden Zuckerfabriken in Tulln und Leopoldsdorf. Wir investieren dort laufend und sind ausgelastet, selbst im heurigen Jahr, wo die Rübenernte in Österreich deutlich geringer als im Vorjahr ausfiel. Wir sind auch so gut vernetzt, dass wir mittlerweile in Tulln viel Zucker für unsere osteuropäischen Märkte verpacken. Österreich ist beim Zucker ein Überschussproduzent. Wir versorgen nicht nur Österreich, sondern auch die Defizitländer in Osteuropa.

In der Stärke-Produktion ist das genauso? Etwa in Gmünd.

Marihart: Das ist überhaupt kein Thema. Wenn wir in Gmünd eine Herausforderung haben, dann betrifft es die Rohstoffseite. Der Kartoffelanbau ist einfach ein schwieriges Thema. Die Politik hat sich in Österreich dazu entschlossen, keine gekoppelten Zahlungen an die Landwirte mehr zu machen, obwohl im Rahmen der EU die Möglichkeit gegeben ist. Andere Länder tun das, im Zusammenhang mit Stärkekartoffeln zum Beispiel Tschechien. Wir haben das geringe Interesse der Politik an der Stärkekartoffelproduktion im Waldviertel zur Kenntnis genommen. Was wir getan haben, um die Bauern zu motivieren – wir haben jetzt eine Flächenprämie von 250 Euro pro Hektar ausbezahlt, damit für die Bauern die trockenheitsbedingten Mindererträge der letzten Ernte abgefedert werden. Für das nächste Jahr gibt es weitere entsprechende Attraktivierungen, die natürlich auch mit der Bereitschaft zusammenhängen, Verträge mit uns zu schließen. Ziel ist es, den Kartoffelanbau im maximal möglichen Ausmaß zu stabilisieren. Außerdem investieren wir in Gmünd nach wie vor. Gmünd ist auch ein Veredelungsbetrieb. Wir machen dort unter anderem die ganzen Babynahrungsprodukte.

Agrana ist auch in Amerika engagiert. Wie sehen Sie die heftigen Debatten um das Freihandelsabkommen TTIP zwischen Europa und den USA?

Marihart: Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Es gibt natürlich ein paar Bereiche, wo die Situation schwieriger ist. Aber die Milch braucht sich nicht fürchten, das Fleisch auch nicht. Zucker braucht sich auch nicht fürchten, die Amerikaner haben da ein Defizit. Dort, wo es zum Beispiel ein Problem gibt, ist sicherlich die Maisstärke, weil die Amerikaner nun einmal die größten Maisproduzenten der Welt sind.

Sie sagen also nicht Nein zu den Verhandlungen mit den USA?

Marihart: Nein, das kann man nicht, das wird auch nichts nützen. Auch unsere Agrarpolitiker sind ja nicht strikt gegen Verhandlungen. Es gibt auch erhebliche Exportchancen.
 


Zahlen und Fakten

  • In NÖ hat Agrana sechs Produktionsstandorte. Tulln, Leopoldsdorf im Marchfeld (Zucker); Gmünd, Pischelsdorf (Stärke); Kröllendorf (Fruchtsaftkonzentrat); Dürnkrut (Instantprodukte/Süßungsmittel). Dazu das Tullner Forschungszentrum „AGRANA Research & Innovation Center“.

  • Agrana beschäftigt in NÖ rund 1.500 Personen. In diese Standorte wurden im Geschäftsjahr über 30 Millionen Euro investiert.

  • Die Agrana-Gruppe (Zucker, Stärke für Lebensmittel, Bioethanol, Fruchtsaftkonzentrate etc.) ist mit rund 9.000 Mitarbeitern an 54 Produktionsstandorten auf allen Kontinenten präsent. Konzernumsatz rund 2,5 Milliarden Euro.