Erstellt am 14. September 2015, 06:07

von Heinz Bidner

ÖBB stocken Zugbegleiter auf. Nach kräftigem Abbau in den letzten zehn Jahren werden nun für den Raum Wien-NÖ 80 Personen ausgebildet.

»Es hinterlässt einen tiefen Eindruck, wenn man sieht, wie ein kleines Kind mit dem Teddybären in der Hand und zwei umgehängten Rucksäcken mit dem letzten Hab und Gut auf der Flucht ist«, sagt Bahngewerkschaftsboss Roman Hebenstreit zur Flüchtlingstragödie, bei der ÖBB-Mitarbeiter selbstlos im Einsatz waren.  |  NOEN, Erich Marschik

„Wir haben in den letzten zehn Jahren ungefähr 600 Zugbegleiter abgebaut – gut die Hälfte davon im Raum Wien-NÖ. Etwa 1.200 sind jetzt noch übrig“, sagt ÖBB-Betriebsratsboss Roman Hebenstreit zur NÖN.

„Wir haben das aus unterschiedlichen Gründen immer kritisiert“, erinnert er sich. Weil Bahnkunden einen Ansprechpartner bei offenen Fragen im Zug wünschten – und aus Sicherheitsgründen.

„Ein Meilenstein war mit Sicherheit der Erlass zum Eisenbahngesetz, der im März gekommen ist“, meint Hebenstreit. Die Gewerkschaft habe immer wieder bemängelt, dass man den Bahnunternehmen – nach ihrer eigenen gesetzlichen Auslegung – nicht die Freiheit geben könne, Züge ohne Schaffner zu führen.

„Das Ministerium hat mit dem Erlass fast so etwas wie einen Umkehrschwung beim Management geschafft“, freut sich Roman Hebenstreit: „Denn darin ist präzisiert, dass die Eisenbahnunternehmen die Verpflichtung haben, dass ausreichend Personal am Zug ist, welches für Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen hat.“

Nun würde man bei den Unternehmen merken, dass sie in kleinen Schritten wieder mehr Personal aufnehmen würden, weiß Heben streit, der auch Vorsitzender des Fachbereichs Eisenbahn in der Gewerkschaft vida ist: „Auch die ÖBB nehmen jetzt massiv auf – derzeit konzentriert auf den Raum Wien-NÖ. Hier sind derzeit an die 80 Zugbegleiter in Ausbildung, die überwiegend im Nahverkehr eingesetzt werden.“

Probleme auf der Schnellbahn

Hebenstreit führt das auf die zuletzt verstärkt aufgetretenen Probleme beim schaffnerlosen Zugbetrieb der blau-weißen 4020er-Schnellbahngarnituren zurück. So gebe es etwa Pickerl auf den Zügen, dass man mit Kinderwagen nur bei der ersten Tür einsteigen kann, weil der Lokführer nur dort noch bei schaffnerlosem Betrieb einen Überblick habe und notfalls helfen könnte: „Die technischen Probleme, die es hier gibt, bekommt man aber nur mit mehr Personal in den Griff.“

Wie wichtig ausreichend vorhandenes und qualifiziertes Personal auch in Krisensituationen sei, hätte in den letzten Wochen zudem der Flüchtlingsstrom nach Österreich bewiesen: „Wenn das Personal gar nicht mehr vorhanden wäre, dann hätte man keine Chance mehr, flexibel Personal zu konzentrieren.“

Er war selbst beim Flüchtlingsansturm am Wiener Westbahnhof in der ersten Septemberwoche dabei: „Es hinterlässt einen tiefen Eindruck, wenn man sieht, wie ein kleines Kind mit dem Teddybären in der Hand und zwei umgehängten Rucksäcken mit dem letzten Hab und Gut auf der Flucht ist – und wie erwachsene Männer am Bahnsteig sitzen und bitterlich weinen“, erinnert er sich. Wer so etwas gesehen hat, könne unmöglich nicht helfen wollen oder gar davon reden, die Grenzen dicht zu machen und die Menschen wieder zurückzuschicken.

Lob hat er für die Mitarbeiter, die teils bis zu 20 Stunden im Einsatz waren: „Keiner hat mehr auf die Uhr oder auf die Arbeitsbedingungen geschaut.“ Hohe Sensibilität habe es auch im Management gegeben.