Erstellt am 27. April 2017, 15:16

von APA Red

ÖBB mit Passagierrekord. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben im Vorjahr weniger Gewinn erzielt, aber einen neuen Fahrgastrekord auf der Schiene aufgestellt.

Matthä: Fahrgastrekord im Jahr 2016  |  APA

Der Vorsteuergewinn (EBT) ging von 193 auf 166,2 Mio. Euro zurück. Gedrückt wurde das Ergebnis vom Güterverkehr, der gegenüber 2015 um 12,9 Mio. Euro auf 44,3 Mio. Euro EBT einbrach. Der Personenverkehr und die Infrastruktur legten hingegen zu.

Konzernchef Andreas Matthä präsentierte die Zahlen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Werk der Technischen Services in Wien-Simmering. "2016 war zweifellos ein schwieriges, aber letzten Endes erfolgreiches Geschäftsjahr", sagte Matthä, der als Nachfolger des nunmehrigen Bundeskanzlers Christian Kern seine erste ÖBB-Bilanz vorlegte.

Neue Vorteilscard kommt

Im Jahr 2016 wurde ein neuer Fahrgastrekord auf der Schiene erreicht. 244,2 Millionen Fahrgäste stiegen in ÖBB-Züge, um 6,2 Millionen mehr als 2015. Der Löwenanteil davon fuhr im Nahverkehr, wo die Zahl der Passagiere um 5,3 Millionen auf 209 Millionen kletterte. Im Fernverkehr gab es mit einem Plus von 0,9 Millionen auf 35,2 Millionen Fahrgäste ebenfalls einen Zuwachs. Wichtigste Wachstumstreiber waren der Ausbau der S-Bahnen, der Stundentakt über den Arlberg, die Flughafenanbindung von Wien-Schwechat an das Bahnnetz und die ausgeweiteten Nachtzüge (Nightjets).

Insgesamt reisten 2016 461 Millionen Passagiere mit ÖBB-Zügen oder mit den zu den ÖBB gehörenden Postbussen, nach 459 Millionen im Jahr 2015. Auf die 900 Postbus-Linien entfielen knapp 217 Millionen Fahrgäste. "Beim Postbus haben wir Marktanteile verloren", räumte ÖBB-Chef Andreas Matthä ein. Mit einer neuen Vorteilscard, also einer Ermäßigungs-Karte, will die Bundesbahn noch mehr Fahrgäste anlocken. Dieses zusätzliche Vorteilscard-Angebot soll ab Sommer um 66 Euro erhältlich sein und nur online gekauft werden können. Die Vorteilscard Classic kostet derzeit 99 Euro.

10.000 neue ÖBB-ler bis 2022 gesucht

Angesichts der Altersstruktur der über 40.000 Beschäftigten - 76 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind über 40 Jahre alt - werde in den nächsten Jahren ein Generationenwechsel stattfinden. Bis zum Jahr 2022 werden über 10.000 neue Beschäftigte aufgenommen. Bei den altersbedingten Pensionen lag das Durchschnittsalter der ÖBBler beim Pensionsantritt bei 60,2 Jahren.

Im Personenverkehr wurden 2016 81,9 Mio. Euro EBT erzielt, ein Plus von 4,6 Mio. Euro zum Jahr 2015. Auch der Infrastrukturbereich legte zu, nämlich um 36,8 Mio. auf 49,6 Mio. Euro. Durch Konsolidierungseffekte könne man das Ergebnis der Holding nicht direkt aus den drei Teilgesellschaften summieren, erläuterte Finanzvorstand Josef Halbmayr.

Güterverkehr Nummer 2 in Europa

Der Güterverkehr der Staatsbahn ist erstmals das zweitgrößte Bahnlogistikunternehmen Europas und in 18 Ländern aktiv. Sowohl Rail Cargo Austria als auch Rail Cargo Hungaria blieben in ihren Heimmärkten Marktführer, hieß es bei der Pressekonferenz. Während im Ausland ein Anstieg um 17 Prozent auf 63,3 Millionen Nettotonnen verzeichnet wurde, gab es im Inland einen Rückgang um 1 Prozent auf 81,6 Millionen.

Das Güterbahngeschäft leide unter dem niedrigen Dieselpreis, der die Konkurrenz mit der Straße erschwere, dem Rückgang der Grundstoffindustrien in Europa und der Schließung von Kohlekraftwerken, erläuterte Matthä. Trotzdem sei es den ÖBB gelungen, bei den beförderten Tonnen erstmals Platz 2 in Europa zu erreichen. Die Bahn bilde im Güterverkehr ein Drehkreuz von den Häfen im Süden bis zur Nordsee, von West nach Ost, und wolle die Verkehre noch weiter ausbauen.

Finanzvorstand Halbmayr erläuterte die Bilanz. Das Vermögen sei mit 24,386 Mrd. Euro um 1,6 Milliarden höher als die Finanzverbindlichkeiten mit 22,799 Mrd. Euro. Die Haftungen des Bundes seien im Jahr 2016 um 900 Mio. Euro bzw. 5,3 Prozent gesunken. Die Eigenkapitalquote stieg von 7,3 auf 7,7 Prozent. Cross-border-Leasing-Verträge wurden weiter aufgelöst. Deutlich gestiegen sind die Personalkosten, nämlich von 2,337 auf 2,478 Mrd. Euro. Der Personalaufwand stieg um 141 Mio. Euro, die Zahlen von 2015 und 2016 seien aber eigentlich nicht vergleichbar, weil 2015 eine 2014 gebildete Rückstellung in Höhe von über 80 Mio. Euro aufgelöst worden sei, die wegen Anrechnung von Vordiensten gebildet worden war.

Genehmigungsverfahren unter die Lupe nehmen

Neues Geld nimmt die Bundesbahn nun nicht mehr selber auf, sondern holt es sich von der Bundesfinanzierungsagentur über Kredite. Da die Republik Österreich ein besseres Rating habe, erspare diese Umstellung der Finanzierungsstruktur der Volkswirtschaft auf 35 Jahre 540 Mio. Euro, sagte Halbmayr.

Gelöst ist nun der Streit um den Stopp der Zahlungen für die ÖBB-Investitionen durch das Finanzministerium: Der Zuschussvertrag sei vor wenigen Tagen vom Finanzministerium unterschrieben worden, die Rahmenpläne sind in Umsetzung, sagte Matthä: "Der letzte Puzzlestein ist abgeschlossen". Wesentliche Infrastrukturprojekte sind der viergleisige Ausbau der Westbahnstrecke, der Ausbau der Südbahnstrecke (Pottendorfer Linie, Semmering-Basistunnel und Koralmbahn), der Brennerbasistunnel und die Strecke Wien-Bratislava.

Angesprochen auf den Streit um Großprojekte bzw. den Vorrang für Umwelt- und Klimaschutz beim negativen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts für die Dritte Piste meinte Matthä, bei großen Infrastrukturprojekten gebe es immer eine Interessensabwägung zwischen der Umweltbelastung, den Interessen der Anrainer und dem Interesse an schnellem öffentlichen Verkehr. Verbesserungsbedarf in Genehmigungsverfahren will er nicht ausschließen: "Man kann sich immer Regelungen anschauen, was man noch beschleunigen und verbessern kann".