Erstellt am 12. Januar 2016, 05:43

von Gila Wohlmann und Eva Hinterer

Testfahren am Pannenstreifen. Eine temporäre Freigabe der Pannenstreifen sehen Verkehrsexperten mit gemischten Gefühlen.

Bald Testgebiet? Die A4 Schrägseilbrücke beim Prater in Fahrtrichtung Knoten Prater. Der Pilotversuch soll allerdings in Fahrtrichtung Ungarn gehen.  |  NOEN, Wolfgang Simlinger www.simi.at

Es ist ein System, das in Deutschland, England, der Schweiz und in den Niederlanden seit Jahren funktioniert und das die Asfinag an drei ausgewählten Streckenabschnitten verkehrstechnisch prüfen will: die temporäre Freigabe von Pannenstreifen in Ballungsräumen. Ziel ist ein besserer Verkehrsfluss zu Spitzenzeiten.

„Natürlich braucht es eine Änderung der Straßenverkehrsordnung, das Verkehrsministerium kennt unsere Überlegungen. Es soll jedenfalls noch heuer Verhandlungen dazu geben“, sagt Rainer Kienreich, Geschäftsführer der Asfinag. Getestet wurde das Pannenstreifen-System bislang nur anhand von Computersimulationen.

Parallel dazu wird von der Asfinag ein Grundsatzplan erstellt, in dem Vorteile, Nachteile, Kosten und Nutzen abgewogen werden. Das Ziel: ein besserer Verkehrsfluss und dadurch weniger Auffahrunfälle und weniger Emissionen. Fallen die Analysen positiv aus, dann könnten frühestens Ende 2019 die Pannenstreifen auf den Test-Abschnitten zeitlich frei gegeben werden. Und zwar im Morgen- und im Abendverkehr, „wir denken an etwa zwei bis drei Stunden täglich“, sagt Kienreich.

"Sache der Legistik"

Die temporäre Freigabe der Pannenstreifen sei „Sache der Legistik“, meint Ferdinand Zuser, Leiter der Landesverkehrsabteilung der Landespolizeidirektion NÖ. „Dabei wird neben dem möglichen besseren Verkehrsfluss der Sicherheitsaspekt des fehlenden Pannenstreifens für Fahrzeuge mit Pannen wie auch für die Fahrzeuge der Einsatzorganisationen und des Straßendienstes zu beurteilen sein.“

Pannenbuchten gibt es auf den entsprechenden Teilstücken, auch auf der A4. Und, so Kienreich, die für die Bildung einer Rettungsgasse erforderliche Mindestbreite von 12,5 Meter pro Richtungsfahrbahn sei gegeben. Die Autofahrer, meint er, würden sich bald auf die Situation einstellen. Man müsse das Projekt, so es umgesetzt wird, natürlich mit großem zeitlichem Vorlauf kommunizieren.

Experten: "Es muss mehr Pannenbuchten geben"

Dass es „kurzfristig zu einer punktuellen Entlastung kommen kann, das Stauproblem selbst aber nicht gelöst wird, sondern sich lediglich zum nächsten Engpass im Straßennetz verlagert“, glaubt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). „Zudem zeigen die Erfahrungen, dass mehr Fahrspuren zu mehr Verkehr führen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit dann auch am Pannenstreifen staut.“

Nachhaltiger als die Öffnung des Pannenstreifens ist aus Sicht des VCÖ der Ausbau des öffentlichen Verkehrs.
ÖAMTC-Verkehrsjurist Nikolaus Authried hält „das sicher für eine geeignete Lösung, um staugeplagte Straßenstücke kurzfristig zu entlasten“. Längerfristig müsse man aber zusätzliche Fahrstreifen bauen. Pannenbuchten oder andere bauliche Maßnahmen seien „unumgänglich, um Sicherheit für Fahrzeuglenker mit Pannen zu gewährleisten“.

In eine ähnliche Kerbe schlägt ARBÖ-Sprecher Sebastian Obrecht: „Wo es nur punktuelle Störungen gibt, begrüßen wir die temporäre Freigabe, denn diese ist kostengünstiger als die Errichtung einer weiteren Fahrspur.“ Voraussetzung sei aber eine komplette Videoüberwachung und die Schaffung weiterer Pannenbuchten.


Zum Projekt

Die Asfinag untersucht Strecken in Ballungsräumen in Wien, Salzburg und Innsbruck, die regelmäßig überlastet sind.

1) die A4-Ost-Autobahn vom Knoten Prater bis zum Knoten Schwechat in Fahrtrichtung Nickelsdorf (rund acht Kilometer).

2) die A1-West-Autobahn von der Anschlussstelle Wallersee bis Salzburg Nord in beiden Fahrtrichtungen (rund sieben Kilometer)

3) die A12-Inntal-Autobahn zwischen Innsbruck West und Zirl Ost in beiden Fahrtrichtungen (rund neun Kilometer).

Freigabevoraussetzungen:

Ein ausreichend breiter Pannenstreifen, lückenlose Kontrolle durch Verkehrskameras, ausreichende Anzeigemöglichkeiten für die Verkehrsteilnehmer sowie bauliche Adaptierungen wie Pannenbuchten. Sind diese erfüllt, könnte die Freigabe erfolgen, sobald ein Schwellenwert an Verkehrsstärke überschritten wurde, bevor Stau entsteht. Angezeigt wird die Freigabe durch „Über-Kopf-Anzeigen“, auf denen das Befahren der Spur signalisiert ist.


Legistische Voraussetzung ist eine Änderung der Straßenverkehrsordnung.