St. Pölten , Ober-Grafendorf

Erstellt am 19. Juli 2017, 13:28

von APA Red

Vater in Gröben getötet: 47-Jähriger vor Gericht. Weil er seinen 70-jährigen Vater bei einer Rauferei auf einem Bauernhof in Gröben im Pielachtal getötet haben soll, ist ein 47-Jähriger am Mittwoch in St. Pölten vor Gericht gestanden.

Symbolbild  |  NOEN, Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Die Anklage lautete auf Mord, der Niederösterreicher bekannte sich nicht schuldig. Laut seinem Verteidiger handelte er in Notwehr, einen Tötungsvorsatz habe sein Mandant nicht gehabt.

"Sein Vater wollte ihm an die Gurgel"

Der Kraftfahrer wohnte samt Familie gemeinsam mit seinem Vater auf einem Bauernhof im Bezirk St. Pölten-Land, es soll seit Jahrzehnten Streitigkeiten gegeben haben. Zu der tödlichen Auseinandersetzung war es heuer am Abend des 24. März gekommen, "objektive Zeugen dafür gibt es nicht", sagte der Ankläger. Der Niederösterreicher soll seinen Vater so lange fixiert haben, bis dieser erstickte, so der Staatsanwalt.

Laut dem Obduktionsgutachten erlitt der 70-Jährige Rippenbrüche durch minutenlangen heftigen Druck auf den Oberkörper, in Folge trat der Erstickungstod ein. Der Angeklagte soll mit dem Ellbogen Druck ausgeübt haben, Faserspuren der Fleecejacke des Sohnes wurden laut Staatsanwalt am Rücken und am Gesäß des Opfers gefunden. Der 47-Jährige war bei dem Streit verletzt und während seines Krankenhausaufenthalts festgenommen worden.

Der Verteidiger erklärte, sein Mandant habe den 70-Jährigen kampfunfähig machen wollen, die bedrohliche Lage des Opfers sei ihm nicht bewusst gewesen. "Es ist alles in der Anklage zulasten meines Mandanten ausgelegt worden", erklärte der Rechtsanwalt. Der 47-Jährige habe beim Raufhandel in Notwehr gehandelt, einen Tötungsvorsatz habe es nicht gegeben.

Der Angeklagte habe im Heizraum nachgelegt und der 70-Jährige sei dazugekommen und habe zu schimpfen begonnen, sagte der Verteidiger. "Irgendwie hat ein Wort vermutlich das andere ergeben", auf einmal habe sein Mandant einen Faustschlag ins Gesicht bekommen, schließlich seien beide Männer auf dem Boden zu liegen gekommen.

"Sein Vater wollte ihm an die Gurgel", in dieser Notwehrsituation habe sein Mandant den Vater an die Wand gedrückt. Der Angeklagte sei dann zu seiner Frau gelaufen und habe sie gebeten, die Polizei zu rufen. Der 47-Jährige ging nach Angaben des Rechtsanwalts nach der Rauferei davon aus, dass sein Vater lebte.

Minutenlange Rauferei endete tödlich

Sein Vater habe ihn mit den Worten "Ich erwürge dich, du Sau" bedroht, schilderte der Angeklagte während des Mordprozesses in St. Pölten die tödliche Rauferei. Er habe seinen Vater in den Finger gebissen und fixiert sowie Druck mit der Schulter und dem Kopf auf ihn ausgeübt. Als sich der 70-Jährige langsamer wehrte, sei er aufgesprungen und zur Tür hinausgerannt, so der Beschuldigte.

Ob sich das Opfer noch bewegt habe, könne er nicht mehr sagen, "ich habe mich nicht mehr umgedreht". Der Angeklagte beschrieb den 70-Jährigen als rüstig und agil, "er war mir körperlich überlegen". Zur Auseinandersetzung kam es im Heizraum, sein Vater habe geschimpft, dass es bei ihm nicht warm werde, sagte der Angeklagte. Der 70-Jährige habe ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzt, "ich habe ihn Richtung Tür abgedrängt". Der Sohn schlug zurück, die Schimpftiraden seines Vater seien weitergegangen. Die beiden kamen zu Sturz, der Angeklagte lag mit dem Rücken zum Bauch des Opfers, das Gerangel soll nach Angaben des Beschuldigten zweieinhalb bis drei Minuten gedauert haben.

"Ich wollte meinen Vater nicht verletzen", betonte der Angeklagte. Nach der Rauferei bat er seine Frau, die Polizei zu rufen, weil er mit seinem Vater gestritten habe. Als die Rettung eintraf, soll der Niederösterreicher zu einer Sanitäterin gesagt haben, es wäre ihm am liebsten, wenn sich sein Vater erschossen hätte.

Sein Vater habe nicht nur ihn und seine Frau, sondern auch Besucher seiner Kinder beschimpft, schilderte der Angeklagte. Seine 47-jährige Frau sagte im Zeugenstand, dass ihr Schwiegervater seit 14 Jahren nicht mehr mit ihr geredet habe, sie hatte Angst vor dem 70-Jährigen. Die Lebensgefährtin des Verstorbenen hat sich als Privatbeteiligte an dem Verfahren angeschlossen. Sie berichtete davon, dass es zwischen dem 70-Jährigen und seinem Sohn immer wieder Streit wegen der Heizung gegeben habe.

Der Pensionist starb laut Gutachter infolge einer Brustkorbkompression an Ersticken. Das Opfer lag leblos im Kellerraum, der Notarzt konnte nur mehr den Tod feststellen. Dem Obduktionsergebnis zufolge wies der 70-Jährige u.a. Serienrippenbrüche auf beiden Seiten auf. Dem Sachverständigen zufolge wurde bei der minutenlangen tätlichen Auseinandersetzung eine massive stumpfe Gewalt gegen den Brustkorb des 70-Jährigen ausgeübt, der Angeklagte müsse auf seinem Vater gelegen sein. Der Beschuldigte erlitt u.a. Prellungen an Schädel und Nase sowie Hämatome und Abschürfungen.

Staatsanwalt rückte vom Mordvorwurf ab

Die Geschworenen haben sich gegen 12.30 Uhr zur Beratung zurückgezogen. Der Staatsanwalt rückte im Schlussvortrag vom angeklagten Mordvorwurf ab. Der Verteidiger plädierte auf Notwehr und beantragte einen Freispruch.

Der Ankläger sah eine schwere Körperverletzung mit fahrlässiger Todesfolge erfüllt, "eine Notwehrsituation kann ich beim besten Willen nicht erkennen". Er verwies auf das Sachverständigengutachten, wonach der Sohn bei der Rauferei am 24. März einen massiven Druck auf den Vater ausgeübt habe.

Die Geschworenen müssten sich die Frage stellen, warum der Angeklagte bei Einvernahmen zwei verschiedene Versionen des Vorfalls erzählt habe. Der Beschuldigte habe sich im Ermittlungsverfahren nicht kooperativ gezeigt und sei nicht zu einer Tatrekonstruktion bereit gewesen. "Es gibt keine Zeugen von diesem Vorfall", dies würde sich der 47-Jährige zunutze machen.

Bei der Rauferei habe der Angeklagte die Oberhand gegen den alkoholisierten Vater bekommen und ihn solange fixiert, bis der Erstickungstod eingetreten ist. Der Staatsanwalt zeigte sich davon überzeugt, dass der Angeklagte eine schwere Körperverletzung zu verantworten und so zumindest fahrlässig den Tod des 70-Jährigen herbeigeführt habe.

"Ein Verletzungsvorsatz liegt für mich in jedem Fall vor", erklärte der Ankläger, einen Mordvorsatz erachte er hingegen als problematisch. Es gebe einen Mann, der durch massiven Druck auf den Oberkörper gestorben sei, und der Angeklagte habe sich auf diese Umstände im Ermittlungsverfahren nicht eingelassen. Damit habe er eine Bandbreite an möglichen Sachverhalten eröffnet.

Der Verteidiger hielt fest, dass die Lage des Opfers für den Angeklagten nicht erkennbar sein hätte müssen, laut dem Sachverständigen könnte sich der 70-Jährige noch krampfartig bewegt haben. Die Geschworenen müssten sich die Frage stellen, ob sich sein Mandant in einer Notwehrsituation befunden habe. "Er wollte seinen Vater nicht verletzen", erklärte der Rechtsanwalt. An diesem Tag sei nach Streitigkeiten das Fass am Überlaufen gewesen. "Ich habe Todesangst gehabt, ich wollte meinen Vater nicht verletzen", sagte der Angeklagte in seinen Schlussworten. Es wurde ein mehrstündige Geschworenenberatung erwartet.