Erstellt am 15. Dezember 2015, 05:03

von Daniel Lohninger und Mario Kern

Trotz Todesurteilen: Tschadek-Straße bleibt. Die nach „Blutrichter“ Otto Tschadek benannte Straße in Weinburg wird nicht umbenannt. Bürgermeister: „Ambivalente Figur!“

 |  NOEN, Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Fünf Jahre ist es her, dass der Politologe Thomas Geldmacher in einem deutschen Archiv mehrere Akten fand, die belegen, dass der ehemalige Justizminister und Landeshauptmann-Stellvertreter Otto Tschadek im Zweiten Weltkrieg mindestens vier Todesurteile gesprochen hat, eines wurde sogar von seinen Vorgesetzten aufgehoben, weil sie es als zu hart ansahen.

Tschadek war ein „Blutrichter“

Die Neubewertung der Rolle des SPÖ-Politikers in der Kriegszeit, hatte aber bislang in Weinburg und St. Pölten noch keine Auswirkungen – auch, wenn der Politologe Walter Manoschek es mittlerweile als erwiesen ansieht, dass Tschadek ein „Blutrichter“ gewesen ist.

Aufwand für Umbenennung zu groß

Eine Umbenennung der Weinburger Dr.-Otto-Tschadek-Straße sei auch in Zukunft nicht geplant, sagt Bürgermeister Peter Kalteis: „Das bedeutet einen immensen Aufwand. Die Bewohner der Tschadek-Straße müssten unter anderem sämtliche Dokumente ändern lassen. Ob das nach all diesen Jahren dafür steht, lasse ich im Raum stehen.“

Kalteis sieht Tschadek als ambivalente Figur: Freilich habe er während des Nazi-Regimes eine bedenkliche Rolle eingenommen. „In Zeiten der Demokratie hat er sich gewandelt und war ein integrer Politiker, der vielen tausenden Menschen geholfen hat.“ Ob möglicherweise die St. Pöltner Tschadek-Straße – die den Niederösterreichring mit der Purkersdorfer Straße verbindet – umbenannt wird, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest.

Zur Person

Otto Tschadek wurde 1904 in Trautmannsdorf bei Bruck/Leitha geboren und starb 1969 in Wien.

Politische Laufbahn: Bereits 1923 trat Tschadek der SDAP bei, 1934 wurde er vom Dollfuß-Regime sieben Monate in den Anhaltelagern Kaisersteinbruch und Wöllersdorf interniert. Von 1949 bis 1952 sowie von 1956 bis 1960 war er Justizminister, von 1960 bis 1969 war er SPÖ-Klubobmann im NÖ-Landtag sowie Landeshauptmann-Stellvertreter.

Militärdienst: 1940 rückte Tschadek bei der Wehrmacht ein, ab September 1941 war er Militärrichter in Kiel. In dieser Zeit soll er durch seine Milde aufgefallen sein, die Aktenfunde belegen aber, dass Tschadek zumindest vier Todesurteile sprach (eines gegen einen „Volksschädling“, zwei wegen Fahnenflucht und eines wegen „Plünderung“).