Erstellt am 21. Januar 2016, 05:28

von Marlene Trenker

„Ich würde sogar sagen: Er war ein Genie“. Der Purkersdorfer Produzent Rudi Dolezal erinnert sich im NÖN-Gespräch an seine gemeinsame Zeit mit David Bowie, der am 10. Jänner im Alter von 69 Jahren verstarb.

David Bowie (r.) und Rudi Dolezal im Jahr 1980 bei einem Interview und näherem Kennenlernen in New York.  |  NOEN, Privatarchiv Rudi Dolezal

„Ich habe sehr viel gelernt von ihm. Ich bin sehr demütig und dankbar. Ich empfinde es als ein sehr großes Privileg, dass ich mit so einem großen Künstler zusammenarbeiten durfte“, sagt der Purkersdorfer Regisseur und Produzent Rudi Dolezal über den am 10. Jänner verstorbenen Weltstar David Bowie. Über 30 Jahre lang haben sich die Lebenswege der beiden immer wieder gekreuzt. Im Gespräch mit der NÖN erzählt Dolezal über den Mensch David Bowie, sein letztes Album „Blackstar“ und über sein Vermächtnis.

NÖN: Was war David Bowie für eine Persönlichkeit aus Ihrer Sicht?
Rudi Dolezal: Das Faszinierende an David Bowie ist für mich, dass er ein Mensch war, mit dem man über fast alle künstlerische Themen reden konnte. Er war ein großer Künstler. Ich würde sogar sagen, er war ein Genie, und ich verwende dieses Wort sehr selten. Er war nicht nur Rockmusiker, sondern auch ein hervorragender Maler und Schauspieler. Wir haben uns Ende der 1970er Jahre kennengelernt, als er am Broadway die Hauptrolle in dem Stück „Elephant Man“ gespielt hat, habe ihn auch oft interviewt. Immer wenn ich mit David gesprochen habe, selbst wenn es nicht um ein Projekt ging, habe ich das Gefühl gehabt, mehr zu wissen als vorher. Es gibt nur wenige Menschen, bei denen ich dieses Gefühl hatte. Dazu gehören Harry Belafonte, Laurie Anderson, Bono Vox, Bob Geldof oder Freddie Mercury. Egal worüber man mit diesen Menschen gesprochen hat, ich bin immer ein Stück erfahrungsreicher aus dem Gespräch gegangen.

„Immer wenn ich mit David gesprochen habe, selbst wenn es nicht um ein Projekt ging, habe ich das Gefühl gehabt, mehr zu wissen als vorher.“ Rudi Dolezal über David Bowie

Man hört immer wieder, dass Künstler auch schwierige Charaktere sein können. Gab es Facetten an David Bowie, die man als „schwierig“ interpretieren könnte?
David hatte sehr wohl auch seine schwierigen Seiten. Er war ein Typ, der für andere schwierig sein konnte. Für mich eher nicht, denn ich gehe davon aus, dass ein so inspirierter und toller Künstler nicht die gleiche Verhaltensweise hat wie ein Mensch, der einem regulären Beruf nachgeht. Zu einem wirklichen Künstler gehört auch, dass er an sich zweifelt. Auch das war ein Charakteristikum von David.

Können Sie sich noch an ein konkretes Beispiel erinnern?
Ich kann mich an Dreharbeiten erinnern, als er mich noch am Vortag angerufen hat und fragte, ob er auch wirklich gut sei oder der Dreh doch lieber abgesagt werden sollte. Er hat nicht das Konzept hinterfragt, sondern sich selbst. Bei so einem Weltstar ist das hochinteressant. Er war ein Grenzgänger, als Mensch war er aber sehr freundlich und unterstützend. Als er mich erstmals engagiert hat, war ich noch ein Jungfilmer. Förderung von jungen Künstlern war ihm generell sehr wichtig. Er konnte auch sehr witzig sein. Es war immer sehr herausfordernd. Mit David Bowie ein Projekt zu machen war ein Abenteuer, eine Berg- und Talfahrt der Emotionen. Ich habe sehr viel gelernt von ihm. Ich bin sehr demütig und dankbar. Ich empfinde es als ein sehr großes Privileg, dass ich mit so einem großen Künstler zusammenarbeiten durfte. Es hat bestimmt mein Leben verändert.

x  |  NOEN, Privatarchiv Dolezal


An welchen Projekten haben Sie mit Bowie gearbeitet?
Wir haben seit 1979 , als wir uns im Rahmen seines Broadway-Stückes kennengelernt haben, miteinander gearbeitet. Er hat mich als Regisseur und Produzent für Musikvideos, Konzertmitschnitten und Dokumentationen engagiert. Wir haben unter anderem Videos für „Baby Universal“und „Under Pressure“ zusammen gemacht. „Under Pressure“ ist ein Projekt, auf das ich besonders stolz bin. Ich habe auch bei Konzertmitschnitten wie „David Bowie at the Docks“ Regie geführt. David Bowie hat den Song „7 years in Tibet“ geschrieben und hat ihn in Mandarin übersetzt. Auch dazu durfte ich das Video produzieren. Dann war da natürlich auch das Freddie Mercury-Tribute-Concert in London, bei dem ich Co-Regisseur war. David ist damals gemeinsam mit Annie Lennox aufgetreten. Für „Band Aid“ haben wir ebenfalls zusammengearbeitet.

Zu seinem Markenzeichen gehören die ständigen Veränderungen im Laufe seiner Karriere. Was ist der Grund dahinter?
Viele Dinge, die er gemacht hat, werden vermutlich erst in nächster Zeit verstanden. Denn immer wenn er Erfolg hatte, machte er als Nächstes etwas komplett anderes, das kommerziell weniger großen Erfolg hatte. David hat sich ständig neu erfunden. Er hat gesagt, dass er sich ständig lernend verändern möchte. Es gibt nur wenige Künstler, die so etwas über ihre komplette Karriere hinweg durchgezogen haben. Jedes Mal, wenn man gedacht hat, das ist nun der neue Bowie, hat er wieder alle überrascht. Angefangen hat er als ganz normaler langhaariger Mann mit einer akustischen Gitarre. Dann hatte er rote Haare und stand mit Frauenkleidern auf der Bühne und stellte eine androgyne Person zwischen Mann und Frau dar. Dann wurde er „Ziggy Stardust“ und schließlich „Thin White Duke“. Er hat im Laufe seiner Karriere immer wieder Rollen gespielt. Wer der wirkliche David Bowie war, das durften nur die Menschen in seinem engsten Kreis sehen. Er war ein wahnsinnig intelligenter, gebildeter, aufmerksamer und witziger Zeitgenosse. Ich werde ihn sehr vermissen.

Wie haben Sie die Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte wahrgenommen?
Ich habe seine ständigen Veränderungen immer als mutig wahrgenommen. Wirkliche Künstler zeichnen sich darin aus, dass sie keine Angst haben und mutig sind. Sie sagen vielleicht auch Dinge, die schockieren, aber nicht nur wegen dem Schockeffekt.

Das ganze Leben ist ein Kunstwerk

David Bowie hat zwei Tage vor seinem Tod sein letztes Album „Blackstar“ veröffentlicht. Was sagen Sie zu seinem letzen Werk?
Sein letztes Album ist toll geworden. Es ist bemerkenswert, wie er auch das inszeniert hat. Nicht nur durch sein Album, das zwei Tage vor seinem Tod erschienen ist, sondern auch durch ein Off-Broadway-Stück „Lazarus“. Nachdem er vor 18 Monaten erfahren hat, dass er an dieser schweren und unheilbaren Krankheit leidet, hat er die verbleibende Zeit genützt, um mit viel Energie weiterhin künstlerisch zu arbeiten. Sein letztes Album ist für mich eines der besten, das er je gemacht hat. Was ich beeindruckend finde: David hat sein gesamtes künstlerisches Leben im Sinne von Frank Zappa gelebt. Zappa hat den Begriff der „Conceptual Continuity“ geprägt. Das ganze Leben ist ein Kunstwerk. Das hat David Bowie mit Perfektion durchgezogen. Brian Eno, der viele seiner wichtigen Alben produziert hat, bekam vor ein paar Tagen noch eine E-Mail von David, in der stand: Vielen Dank für die vielen tollen Stunden, die wir miteinander verbracht haben. Sie werden nicht verrotten. Dein Freund David.“ Erst jetzt weiß er, dass das Davids Abschied war.

„Nachdem er erfahren hat, dass er an dieser Krankheit leidet, hat er die verbleibende Zeit genützt, um weiterhin künstlerisch zu arbeiten.“ Rudi Dolezal

War das Erscheinungsdatum des Albums bewusst gewählt?
Er hat das Erscheinungsdatum des Albums bewusst gewählt. Er wird sich gedacht haben, dass er nie mehr „promotion“ bekommen werde als durch seinen Tod. Jetzt, mit dem Wissen, dass er gegangen ist, ergeben die Themen, mit denen er sich auf dem letzten Album beschäftigt hat, mehr Sinn. Gibt es ein Nachleben? Was ist unser Sinn? Als Freddie Mercury damals von seiner Krankheit erfuhr, gehörte ich zu seinem engsten Kreis. Als der Song „The show must go on“ erschien, wusste damals niemand, dass er Aids hatte, außer den engsten Freunden. Nach seinem Tod war dann klar, was er damit meinte.

Was bleibt von David Bowie?
David Bowie ist einer der wenigen Künstler, dessen Werke in 20 bis 30 Jahren noch immer relevant sein werden. Dazu gehört neben einigen anderen auch John Lennon. Nicht umsonst haben die beiden öfter zusammengearbeitet. Yoko Ono (Lennons Witwe, Anm.) hat anlässlich David’s Tod auch eine sehr berührende Botschaft im Sinne von John veröffentlicht. Es sind Songs wie „Rock n‘ Roll suicide“, die ich damals als 17-jähriger Bub gehört habe und die mir nach wie vor das Herz öffnen. David hat mit Songs wie „Fame“ oder „Ashes to Ashes“ ein grandioses Werk hinterlassen, das ganz bestimmt immer wieder neue Generationen entdecken werden.

Wie entsteht so ein Ausnahmekünstler?
David wurde in einer Zeit geboren, die sehr interessant war, vor allem in London. Ich weiß davon sehr viel von seiner langjährigen Freundin Dana Gillespie, mit der ich heute noch zusammenarbeite. Er ist eigentlich auf die Akademie für Grafik gegangen. Daher kommt auch seine Ausdrucksform als Maler. Wenn man als Künstler halbwegs davon leben kann, dann versucht man, sich immer wieder weiterzuentwickeln und seine Träume zu verwirklichen. Ich denke nicht, dass man das an einem Punkt festlegen kann, was für ein Künstler man wird. Das ist eine Entwicklung, die ewig dauert. Wirklich gute Künstler sagen auch, dass sie ewig lernen. In einer Zeit, in der es noch die Wenigsten kapiert haben, ist er nach Berlin gegangen, um dort drei sehr wichtige Alben („Heroes“, „Low“ und „Lodger“, die „Berlin-Trilogie“, Anm.) zu produzieren.

Gibt es einen Künstler, der an Bowie herankommt?
Das ist schwierig zu beantworten. Vom Facettenreichtum her ist er mit John Lennon bestimmt auf einer Ebene zu sehen. Leider hatte Lennon zu wenig Zeit, weil ihn ein Verrückter 1980 erschossen hat. David war ein echter Freigeist. Da er nie in einer Band war, wo vier Leute eine gemeinsame Entscheidung treffen müssen, konnte er radikaler seine künstlerischen Vorstellungen durchsetzen und auch sein Leben auskosten. Ich habe mit Dana Gil-lespie darüber gesprochen, und wir waren uns einig: David hatte ein tolles Leben.